Kultur : Tänze des Wachstums

Die Großstadt ist unsere Zukunft: „Hyper Cities“ im Berliner Museum für Asiatische Kunst

Nicola Kuhn

Es ist nur eine Frage der Zeit: Schon im nächsten Jahr soll nach einem Bericht des United National Population Fund die Hälfte der Weltbevölkerung in Metropolregionen wohnen. Mit bangen Blicken wendet sich der europäische Blick gen Osten, nach Tokio, Seoul, Bombay, Peking und Schanghai, wo diese Akkumulation längst zum Alltag gehört. Können wir von den Bewohnern lernen, wie man mit Enge, Lärm und der permanenten Gleichzeitigkeit von Aufbau und Zerstörung fertig wird? Wohl kaum, dazu unterscheiden sich die Lebensbedingungen zu sehr vom Westen. Allerdings sollten wir verstehen lernen, was die in Mega-Cities wohnenden Menschen bewegt.

Eine Möglichkeit dazu ist der Blick des Künstlers. Eine solche Perspektive auf das Leben in den Millionenstädten ermöglicht die Ausstellung „Hyper Cities. Über Städte“ im Dahlemer Museum für Asiatische Kunst. Sie ist ein Überraschungstreffer, denn die vom Haus neben den traditionellen Künsten immer wieder vorgeführte zeitgenössische Produktion packte hier nur selten; in den Galerien von Berlin-Mitte besitzt sie weitaus mehr Aktualität und Schwung. Überraschend ist die Ausstellung auch durch die glückliche Künstlerwahl, allesamt daad-Stipendiaten, was zunächst eine allzu starke Heterogenität erwarten lässt. Doch das Thema „Leben in den Städten“ vereint die 13 vorwiegend aus Deutschland stammenden Vertreter zu einem sehenswerten Statement, das sowohl die Poesie als auch die Härte und Dramatik an diesen maßlos gewordenen Orten erfasst.

Natürlich kennt man die Bilder von den in die Tokioter U-Bahn drängenden Menschenmassen, die kurz vor der Abfahrt von weiß behandschuhtem Personal noch tiefer in die übervollen Abteile gequetscht werden. Doch das lakonische Video von Jan Verbeek, der fünfeinhalb Minuten seine Kamera auf eine geöffnete Zugtür hält, ist wie ein Ballett. Immer mehr Männer, Frauen, Anzugträger verstauen sich auf den wenigen Quadratmetern Platz. Doch die erdrückende Nähe des Nächsten überspielen sie mit einer scheinbaren Unberührbarkeit und Würde, die etwas Atemberaubendes besitzt. Genau jene Widersprüchlichkeit kehrt in den meisten Foto- und Videoarbeiten der Ausstellung wieder: Je geringer der individuelle Platz, umso bedeutsamer wird die Wahrung bestimmter Formen. Gerade aus dem Zusammenprall von Vergangenheit und Zukunft beziehen die Werke ihren Reiz. So wirken Delia Kellers Pekinger Aufnahmen noch befremdlicher, sobald man begriffen hat, dass die von ihr fotografierten Häuschen und alten Gassen gerade nicht authentisch, sondern ein Filmsetting sind. Während wenige Straßen entfernt der historische Kern abgerissen wird, überlebt Geschichte in einer Kulissenstadt.

Urbanes Wachstum kennt keine Gnade, weder mit den Bauten noch ihren Bewohnern. Das ist eine der Lektionen, die der Ausstellungsbesucher sehr schnell lernt. Zur schönsten und auch bedrückendsten Fotoserie gehört Elisabeth Neudörfls Reihe „Super Pussy Bangkok“. Die Berlinerin fotografierte Bangkoks Amüsierviertel in seiner ganzen taghellen Tristesse. Die Perspektive geht steil nach oben, als wären es die Bankentower von Frankfurt am Main. Statt Glitzertürmen zeigt sie runtergekommene Fassaden mit erloschener „Suzie-Wong“-Neonschrift. Doch auch hier geht es um Milliarden und das große Geschäft.

Die Fremdheit des anderen Kontinents ließ die Stipendiaten Abstand halten. Doch gerade durch den distanzierten Blick gelangen den jungen Fotografen Bilder, die besonders kraftvoll sind. Moritz Fehr etwa porträtierte die akkurat gepackten Habseligkeiten von Tokioter Obdachlosen vor völlig schwarzem Grund. Teilweise wirken sie wie minimalistische Skulpturen, wäre da nicht jener kleine Handfeger zwischen den Kartons wie ein bitterer Vorwurf eingeklemmt.

Thomas Bergmann wählte als Metapher für die Gleichzeitigkeiten des Großstadtlebens die 1899 über den Roten Fluss erbaute Brücke Long Bien. Der eiserne Steg zwischen der Altstadt Hanois und den Außenbezirken wird tagtäglich von tausenden Händlern überquert, der Zug fährt wegen der Altersschwäche des Gerüsts nur noch Schrittgeschwindigkeit. In der nebeligen Ferne steht als Verheißung eine Hochbahntrasse; davor dümpeln wie ehedem die Hausboote. In Vietnam braucht der Fortschritt eben Zeit.

Nur zwei Ausstellungsteilnehmer gingen wirklich dicht an die Menschen in den Mega-Cities heran, umkreisten nicht nur ihre Bauten. Es sind der Koreaner Joon Kim und der Chinese Xu Tan. Während der heute in Detmold lebende Kim die Versuche „gemütlichen“ Lebens in der Großstadt einzufangen sucht (mit Hund, wie sonst?), porträtierte der ehemalige Performancekünstler Tan den heimlichen Rock’n’Roll-Star Mr. Zheng bei einem Konzert in Guangzhou. „Sozialismus ist gut“, grölt die Masse begeistert ein altes kommunistisches Propagandalied aus den Fünfzigern mit, während der Perkussionist den Rhythmus auf seine Trommeln drischt. Vergangenheit und Gegenwart parodieren hier einander. Wie es weitergeht, weiß keiner.

Museum für Asiatische Kunst, Lansstr. 8, bis 4. November, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Katalog 15 €.

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