Kultur : TAGESSPIEGEL: Was darf ich Ihnen bestellen?

ROLOFF: Einen "JcB".Das ist der Whisky, den Heiner Müller immer trank.

TAGESSPIEGEL: Seit wann sind Sie am Berliner Ensemble?

ROLOFF: Seit vierundreißig Jahren.Ich habe Inspizient hier gelernt.Damals, 1965, leitete die Weigel das Haus.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie schöne Erinnerungen an jene Zeit?

ROLOFF: Die besten.Die Weigel war immer da und für uns ansprechbar.Sie hat sich um jeden gekümmert, war eine echte Prinzipalin.Wenn man Sorgen hatte, hat sie sich sofort um Hilfe bemüht.

TAGESSPIEGEL: Viele Zeitzeugen sagen aber auch, daß sie eine harte, kompromißlose Frau gewesen sei.

ROLOFF: Ja, aber nicht zu ihren Leuten.Ich erinnere eine Geschichte: Meine Mutter lebte in Westberlin und lag im Sterben.1968 kam man nicht rüber.Ging nicht.Also bin ich zur Helene Weigel hoch während der Probe.Sie hat mir innerhalb von zwei Stunden ein Dauervisum besorgt, so daß ich meine Mutter ins Krankenhaus fahren und nachts bei ihr bleiben konnte.Wenn die Weigel nicht gewesen wäre, hätte sich kein Mensch darum gekümmert.Aber so war sie einfach.

TAGESSPIEGEL: War das ein Bruch für das Theater, als Helene Weigel 1971 starb?

ROLOFF: Nein.Wir wußten schon lange, daß sie sehr krank war.Ihre Nachfolgerin Ruth Berghaus war von ihr zuvor eingearbeitet worden, so daß es bruchlos weiterging.Trotzdem war ihr Tod für das Haus ein großer Schock.

TAGESSPIEGEL: Mit der Intendanz von Manfred Wekwerth setzte sich die klare, klassische Schule des Epischen Theaters durch.Was bedeutete das?

ROLOFF: Bei der Berghaus hatten sich verschiedene Stile junger Regisseure überlagert.Schleef, Tragelehn, Langhoff.Doch Wekwerth griff sehr häufig in den Endproben ein, so daß schließlich nur seine Handschrift zu sehen war.

TAGESSPIEGEL: Gab es Momente, da Sie daran dachten, das Haus zu verlassen?

ROLOFF: Ich erinnere mich an einen Fall, als ich ganz neu am Theater war, daß der Wekwerth eine Schauspielerin vor allen anderen heruntergeputzt hat.Sie hat dann auch gekündigt, obwohl es eine gute Schauspielerin war.Ich kam vom Zirkus.Da gab es sowas nicht, weil man sehr ehrlich miteinander umging.Ich war diesen Ton nicht gewohnt und hatte mich eigentlich bereits entschlossen, aufzuhören.

TAGESSPIEGEL: Wer hat Sie umgestimmt?

ROLOFF: Die Weigel.Die kam ja auch vom Zirkus.

Werner ROLOFF (68) ist Inspizient am Berliner Ensemble.Sein Vertrag läuft im nächsten Jahr aus.Das Gespräch führte Kai Müller

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