Kultur : Takashi Miikes Filme: Von Menschen und anderen Monstern

Julian Hanich

Die bildschöne Frau schiebt ihrem Folteropfer die Akupunkturnadeln in die Augen. Ein Hund wird stimuliert, um eine kniende Darstellerin für einen Tierporno zu penetrieren. Der gelbe Inhalt eines zerfetzten Magens fliegt der Kamera entgegen. Ein Mann geht seiner Stieftochter mit glühenden Eisen zwischen die Beine. Die beängstigenden Bilder stammen aus zwei Filmen, die im vergangenen Jahr auf Festivals Furore gemacht haben: "Dead or Alive" und "Audition". Gedreht hat sie der Japaner Takashi Miike. Sein Thema, oder besser, seine Obsession: "Die Menschen in meinen Filmen sind wie Monster oder wilde Tiere." Und sein - nicht nur formales - Credo: "Alles anders machen, als es sonst gemacht wird."

Takashi Miike, 40 Jahre alt, hat sein Regisseurslaufbahn vor rund zehn Jahren mit Video- und Fernsehproduktionen begonnen. 1995 brachte er seinen ersten Kinofilm heraus. Seitdem hat er mehr als ein Dutzend Filme in verschiedenen Genres gedreht, vom Softporno bis zum Horrorthriller, acht alleine in den letzten beiden Jahren. Damit sticht er, selbst nach den Maßstäben des schnell produzierenden japanischen Markts, als ein Mann von geradezu Fassbinderscher Arbeitswut heraus.

Miike spielt gezielt mit seinem Publikum, spielt mit ihm wie die Katze mit der Maus. Er überwältigt, in dem er die Ordnung der Filme zertrümmert und Tempo und Stil wechselt. "Audition" beginnt wie ein GuteNacht-Lied: leise und einschläfernd. Doch unmerklich gleitet das Wiegenlied in den Albtraum hinüber. "Dead or Alive" dagegen wuchtet dem Zuschauer gleich eine Axt in den Schädel. Die ersten sechs Minuten sind eine hyperaggressive, von jaulendem, hämmerndem Hardrock unterlegte Hochgeschwindigkeits-Attacke. Dann aber wird der Film plötzlich leiser, ja, geradezu gemächlich. Um am Schluss schlichtweg zu explodieren - eine cineastische Apokalypse.

Der Schein trügt in Miikes Filmen, weil die Genres keine stabilen Grenzen haben. Was lange wie ein Melodram aussieht, wird in "Audition" zum puren Horror. Alles scheint zunächst, wenn auch in eigentümlichem Rahmen, gut zu gehen: Ein älterer Witwer darf im Rahmen eines arrangierten Vorsprechens für eine nie ernstlich geplante Fernsehserie auf Brautschau gehen. Und tatsächlich scheint sich eine Romanze mit seiner jungen Auserwählten anzubahnen. Doch nach und nach stellt sich die Frau als rachsüchtige Lügnerin heraus. Oder träumt der Witwer den alsbald überhand nehmenden Schrecken nur, gefangen in der eigenen sexuellen Besessenheit? Wild wirbeln Realität und Halluzination, Gegenwart und Vergangenheit in "Audition" durcheinander.

"Dead or Alive" dagegen ist scheinbar fokussiert auf die klassische Yakuza-Geschichte von Cop und Killer. Doch die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen darin, denn beide Seiten verwenden einerseits illegale Gelder für andererseits positive Zwecke. Der Film kompliziert das Genre darüber hinaus, indem er von der Entwurzelung einer Immigrantengruppe erzählt. Der Killer ist Kopf einer Bande, die nicht nur zwischen den Fronten der Yakuzas und der chinesischen Triaden kämpft. Sie steht auch im Niemandsland zwischen den Kulturen: Die Killer sind chinesische Japaner und japanische Chinesen.

Takashi Miikes Filme bersten vor Gewalt. Manchmal scheinen sie im Rausch der Perversion geradewegs zu delirieren. Sein Kino ist eines der körperlichen Attacke: so drastisch wie das Kino des David Cronenberg. Nein, der ist eindeutig harmloser.

"Dead or Alive" läuft in Berlin im Eiszeit und Central. "Audition" wird am Sonnabend, 20 Uhr, erstmals im Central gezeigt und kommt am 25. Januar regulär ins Kino, voraussichtlich im Eiszeit und in den Hackeschen Höfen.

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