"Tanz im August" : Ringen mit dem Kapuzenmann

Auf Louise Lecavalier hatten sich die Tanzenthusiasten besonders gefreut. Doch wegen eines Todesfalls in der Familie konnte die kanadische Tänzerin nicht beim "Tanz im August" auftreten. Benoît Lachambre muss sich nun als einsamer Kobold ohne Gefährtin in das multimediale Abenteuer stürzen.

Sandra Luzina

Für die Produktion „Is you me“ von Par B. Leux haben sich namhafte Künstler aus unterschiedlichen Disziplinen verbündet, um der Imagination neue Räume zu eröffnen. Der bildende Künstler Laurent Goldring sitzt links auf der Bühne und zeichnet am Computer, den Tänzer fest im Blick. Durch Projektion entsteht ein virtueller Bühnenraum, den der reale Körper durchmisst. Goldring tanzt mit dem Stift, die flüssigen Bewegungen des Zeichners zu verfolgen, die Verwandlung von Linearität in Dreidimensionalität – das ist faszinierend. Benoît Lachambre in schwarzem Kapuzenpulli bewegt sich mit zappelnden Bewegungen wie in einem Live-Cartoon, ein avantgardistischer Wichtel, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Eine männliche Alice im Wunderland.

Er reagiert intuitiv, bisweilen kopflos auf die zeichnerischen Variationen – und wird schon mal von dem Unbekannten verschluckt, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen mit wippenden Zopf. Zum suggestiven Sound von Hahn Rowe schlägt die Erzählung ständig Haken. Tanzt Lachambre mit seinem Schatten, stellt Goldring ihm kurvige und zackige Kapuzenmonster an die Seite, er erfindet ihm eine imaginäre Stadt, verpflanzt ihn in eine üppige Vegetation oder sperrt in ein Gefängnis aus Linien ein.

„Is you me“ ist ein raffiniertes Spiel mit der Wahrnehmung, mit kindlicher Verwunderung folgt man den ständigen Metamorphosen. Doch zum visuellen Delirium wird die reduzierte Version nicht – ohne die zweite Akteurin wirkt der Tanz etwas eintönig.

Richard Siegal mit tief ins Gesicht gezogener Mütze wirkt fast wie ein entfernter Verwandter des Kapuzenmannes. Wie ein Flummiball springt er auf die Bühne der Sophiensäle, nachdem Arto Lindsay mit lärmigen Gitarrengeschredder den Abend eröffnet hat. Hier gibt’s eins auf die Ohren. Lindsay ist eine der zentralen Figuren der New Yorker Musikszene. Richard Siegal hat bei William Forsythe in Frankfurt getanzt und ist Gründer von „The Bakery“ in Berlin. „Muscle“ nennen die beiden ihren Dialog, der ebenso zerebral wie körperlich drängend daherkommt.

Die Noise-Attacken vibrieren in Siegals Körper nach, reißen ihn zu einer kurzen Ekstase hin. Der Tänzer umklammert schon mal den Gitarristen und verändert den Sound. Lindsay reduziert, skelettiert den Sound und lässt es wieder krachen. „Muscle“ wirkt manchmal arg nüchtern. Bis Siegal sich selbstbewusst seine Freiheiten nimmt und der Tanz richtig saftig wirkt. Am Ende tanzt er mit nackten Oberkörper und zeigt seine Muskeln. Die Mütze behält er natürlich auf. 

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