Tanzstück : Grenzübertritte mit Sasha Waltz

Beirut, Damaskus, Ramallah, Jerusalem, Kairo: Auf Gastspielreise mit dem Tanzstück "Zweiland".

Sasha Waltz
Sakraler Raum, öffentlicher Raum. Sasha Waltz (rechts) in der Umayyaden-Moschee von Damaskus.
Sakraler Raum, öffentlicher Raum. Sasha Waltz (rechts) in der Umayyaden-Moschee von Damaskus.Foto: Sebastian Bolesch

Kann Kunst die Welt bewegen? Im April und Mai war Sasha Waltz mit ihrer Compagnie auf Gastspielreise in Israel und den angrenzenden arabischen Ländern. Die Berliner Tänzer führten „Zweiland“ auf, eine Choreografie von Sasha Waltz, die sich am Beispiel der deutschen Geschichte mit der Teilung und dem Zusammenwachsen beschäftigt. Mauern, Absperrungen, Kontrollen: Was in Berlin und in Deutschland überwunden wurde, ist im Nahen Osten brutale Realität. – Die Compagnie Sasha Waltz & Guests wurde 1993 von Sasha Waltz und Jochen Sandig in Berlin gegründet. Sasha Waltz gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Choreografinnen Europas.

BEIRUT

In der libanesischen Hauptstadt Beirut wurden wir zur Eröffnung der „Beirut International Platform of Dance (BIPOD)“ unglaublich herzlich empfangen. Es scheint, als habe sich das ganze Hamra-Viertel angeschlossen, dieses Festival zu unterstützen. Die Veranstalter Omar, Maya und Karim sind so umsichtig und herzlich, dass wir ganz beschwingt sind. Die Mittelmeerpromenade, der weite Blick auf das offene Meer, das lustvolle Essen und ein begeistertes Publikum lassen uns diese Stadt genießen. Nur das zerbombte Hotel im Zentrum bleibt als Zeichen des Krieges, eine Ausstellung über Verschwundene erinnert daran.

VON BEIRUT NACH DAMASKUS

Wir wissen, dass jetzt der aufregende Teil der Tour beginnt. Die erste Busreise steht uns bevor, mit uns reist das Bühnenbild – Kiosk, Tisch, Stühle, Farbe, Kostüme und alle Requisiten. Wir wissen nicht, wie lange wir brauchen werden. Der erste Kontrollpunkt. Noch wenn ich mich daran erinnere, spüre ich die Spannung, die uns alle gefangen hielt. Wir sind in Europa nicht mehr gewohnt, über Grenzen zu gehen, uns auszuweisen, durch den Zoll zu gehen. Auch die Zeit, die man braucht, um ein fremdes Land zu betreten, haben wir nicht mehr. Das alles lernen wir hier wieder, brauchen fast acht Stunden von Beirut nach Damaskus, obwohl es eigentlich nur drei Stunden Fahrt sind. Den Rest der Zeit verbringen wir bei der Ausreise Libanon/Einreise Syrien. Mehrmalige Kontrolle, warten. Einfach nur warten. Das wird uns auf der gesamten Tour begleiten. Das Warten. Und eigentlich genieße ich diese Öffnung in der Zeit, wenn man nichts als Erwartung ist. Schwanger gehen mit dem Neuen.

Die Veränderung der Menschen und der Mentalität nehmen wir so direkt schon an der Grenze wahr. Der sanfte Wandel der Landschaft, von sandigen Bergketten, karg bewachsen, in ein üppiges Tal, als wir uns Damaskus nähern. Hier soll der Prophet Mohammed das Paradies gesehen haben. Darstellungen dieser fruchtbaren Landschaft sehen wir später in den berückenden Mosaiken der Umayyaden-Moschee in Damaskus. Hellgrüne Bäume, Wasser und kleine Paläste an den Ufern. Das Ganze mit Gold eingefasst, als ob die Luft Gold atme.

1001 Nacht, wo ist das Land meiner Fantasie, der Gerüche, der Früchte, des Schmucks, der Kleider, das Land des Goldes? Nur in den alten Palästen, in orientalischen Hotels findet man es wieder, der letzte Geschichtenerzähler in Damaskus ist eine Touristenattraktion und hat eine englische Visitenkarte.

Wie viel Raum dem religiösen Dienst hier gegeben wird, ist unübersehbar. Die neongrün beleuchteten Moscheen, weithin sichtbar. Orte des Gebets, der Einkehr, tiefen Glaubens und religiöser Ekstase, wie bei den iranischen Pilgerinnen, die in rhythmischem Weinen vor den heiligen Orten niederknien. Die Moschee als sozialer Ort, wo auch die Kinder Freiraum haben, sich zu bewegen, zu laufen, Hausaufgaben zu machen, sich zu unterhalten, zu schlafen, in der Kühle der Moschee auszuruhen von der Hitze der Stadt.

Ein geborgener, sakraler Raum, der gleichzeitig auch ein Versammlungsort ist. Die Gebetshaltung, die die Gläubigen dazu anhält, sich zu bewegen in der Verneigung vor Gott, ist wie eine tägliche Gymnastik für alle Altersgruppen. Die Hygienevorschriften in der Moschee, die rituellen Waschungen, haben ihren Sinn in der Hitze und im Schmutz dieser riesigen Städte. Gleichzeitig die Schönheit dieses Rituals. Immer wieder der Ruf des Muezzin. Ich verschleiere mich, um die Moschee zu betreten. Als ich das Kleid beim Verlassen wieder ausziehe, komme ich mir wirklich entblößt vor.

Die erste Vorstellung in der Syrischen Oper ist gekennzeichnet von einem Gefühl der Verlorenheit, der Verwirrung der Gefühle. Das Publikum im nur halb gefüllten Saal scheint reserviert. Die zweite Vorstellung verläuft dann gänzlich anders, ein überwiegend junges, sehr neugieriges Publikum bereitet uns einen erfüllten letzten Abend in Damaskus. Der Aufenthalt in der Hauptstadt Syriens hat allen gezeigt, wie groß die Kontraste zwischen den Welten sind, in denen sich „Zweiland“ bewegt.

Realität auf der Bühne zu sehen, das irritiert die Menschen, es gibt hier keine Theatertradition, Tanz ist entweder Volkstanz oder Ballett. Die Aufführung ist zwar schwierig für uns alle, aber trotzdem wichtig, vielleicht noch wichtiger als in Beirut. Die syrischen Künstler sagen uns, es gebe eine Aufbruchstimmung, und ich spüre diesen Aufbruch, diese Sehnsucht, etwas in diesem Land zu verändern, trotz der ständig drohenden Zensur. Hier Kunst zu zeigen, bedeutet mehr als eine Aufführung. Es bringt einen Stein ins Rollen.

VON DAMASKUS NACH RAMALLAH

Beim Grenzübergang von Syrien nach Jordanien sitze ich am Rinnstein neben einer älteren Muslimin, die auch wartet. Ihr Bus steht vor uns, und wir sehen, wie alles ausgeladen wird, Koffer, Orangenkisten, Blech, Stühle. Der Zollbeamte will alles sehen. Droht uns das auch?

Ich komme in ein Gespräch mit der Muslimin neben mir. Sie fährt nach Mekka. Der Zollbeamte winkt mich zu sich. Ich soll ihm den Inhalt unseres Gesprächs erklären, die Zeitungen, die Farbe, Aufschrift der T-Shirts, Holzteile. Alles für eine Tanzaufführung? Der Zollbeamte lächelt. Noch ein paar Fragen, die verschiedenen Nationalitäten. Er winkt uns durch bis zur Grenze.

Dort gehe ich auf die Toilette und treffe Mädchen und Frauen, die sich waschen. Der Moment des Abnehmens des Schleiers. Er nimmt das Alter, die Individualität, plötzlich sehe ich diese unterschiedlichen Gesichter, eine ganze Welt, die zum Vorschein kommt, ihr Lachen, strahlende Augen. Eine Frau spricht mich an, „Wir gehen nach Mekka“, sie macht ein Handzeichen. „Komm mit mir.“ Sie ziehen an mir.

EINREISE NACH ISRAEL

Schaffen wir es vor 14 Uhr – manchmal wird die Grenze zur Westbank plötzlich geschlossen –, oder müssen wir in Amman übernachten?

Wir verlassen Jordanien, alles geht glatt, sie bemängeln mein Passfoto, dem ich nicht mehr ähnlich sehe. Der Busfahrer besticht das Grenzpersonal, so dass wir zumindest alles bis zur israelischen Grenze im Bus lassen können und nicht hinübertragen müssen. Der junge Israeli stoppt uns, er trägt einen Spiegel an einem langen Stock, den er unter den Bus hält. Alles auspacken! Koffer und Taschen sind schnell ausgepackt, jetzt kommt das Bühnenbild. Der Kiosk, die Farbe, die Holzpaneele, Stühle, Kisten, zwischendrin das weiße Tutu am Kleiderbügel. Alles laden wir auf Trolleys und fahren beladen in das Grenzgebäude. Die zwei Beamten lachen, als sie das sehen. Drinnen ruft der Supervisor: „Who is the leader of the group?“ Ich versuche, seine Fragen zu beantworten. Was wir hier machen? Warum wir nach Ramallah einreisen wollen? Er ist freundlich, macht einen Witz. Ob er auch kommen könne zur Aufführung?

Dann geht es zur Sicherheitskontrolle. Die 18-jährigen Israelis haben einen anderen Ton, sind barsch und unfreundlich, wie Roboter. Wieder müssen wir alles auspacken. Die Farbe wird untersucht, das Marketingmaterial mit Videos und Büchern, Koffer, Kostüme. Aber es geht vorwärts. Passkontrolle. Alle kommen durch. Wir sind in Israel. Noch bei der Erinnerung an diesen Moment spüre ich einen Kloß im Hals. Jetzt beginnt die Fahrt in umzäuntem Gebiet. Wir gewöhnen uns an den Anblick von Stacheldraht und Mauer, Dorfstraßen, die plötzlich abbrechen, nachdem sie 3000 Jahre lang befahren wurden. Jerusalem ist nah, aber die Fahrt dorthin dauert, je nach Laune an den Checkpoints.

RAMALLAH

Die fast dörflich anmutende palästinensische Metropole Ramallah überrascht uns.

Juliano Mer Khamis vom Freedom Theatre sagt: „Ramallah ist nicht Palästina, Ramallah ist das New York Palästinas.“ Alles Geld fließt hier hin und fast nichts in die vereinzelten Dörfer und Städte. Auch ist Ramallah so freizügig wie keine andere Stadt in Palästina. „Der Schein trügt“, sagt Juliano. Was wir gerade erleben, ist eine Illusion: der Frieden, die Aufführung, die Begeisterung, der Jubel, das Lachen, alles Einbildung, die jeden Moment zerstört werden kann. Oft wurde das Theater, in dem wir spielen, bedroht, der Direktor des Theaters Opfer von Attentaten. Aber das Publikum war glücklich an diesem Abend, aufgeregt und vibrierend, eine ungewöhnlich prickelnde, aber auch chaotische Atmosphäre nach der Aufführung, die von vielem lautem Lachen, Reden und Kichern begleitet war, mit Zwischenapplaus, aber auch konzentrierter, bedrückender Stille. Die Szene am Checkpoint, die hier jeden Tag erlebt wird, hat noch mal eine zusätzlich bedrückende Bedeutung der Wiedererkennung.

Als hätten wir die Tour nur gemacht, um hier zu spielen. Den 20 Kindern aus dem Flüchtlingslager, das wir tags zuvor besucht haben, zum ersten Mal ein Theaterstück zu zeigen, dafür scheint sich alles gelohnt zu haben.

Die Aufführung in Ramallah wird überschattet von dem tödlichen Autounfall der Tochter eines Festivalleiters am Abend der Vorstellung. Ein Workshop am Folgetag wird abgesagt, viele Teammitglieder nehmen an der muslimischen Bestattungszeremonie teil. Später wird das Festival fortgesetzt.

JERUSALEM

Auf der Fahrt nach Jerusalem. Der Tänzer Juan Kruz Diaz de Garaio Ensaola, der mit der Compagnie bereits mehrfach in Tel Aviv zu Gast war, spürt auch hier die große Bedeutung dieser Tour. Er sagt: „Es fühlte sich absolut richtig an, nachdem wir hier früher schon die Stücke ,Körper‘ und ,Dido & Aeneas‘ im Opernhaus in Tel Aviv gezeigt hatten, dieses Mal im Palästinensischen Nationaltheater in Jerusalem aufzutreten“, sagt er. „Wir wurden mit bewegendem Applaus belohnt. Während der Aufführung interpretierte ich die zurückhaltenden Reaktionen (im Vergleich zu allen vorherigen Aufführungen) auf den Araber, den wir ins Stück eingeführt hatten, als Zeichen eines durchmischten Publikums mit vielen Israelis im Zuschauerraum, was sich als richtig herausstellte.“ Kruz erinnert sich auch, wie er danach mit einigen sprach, „die dem Abend eine neue Relevanz gaben. Einige Tänzer, die aus Tel Aviv angereist waren, erzählten mir, wie bewegend es für sie ist, ins Palästinensische Nationaltheater zu kommen, um unser Stück zu sehen, weniger als 100 Meter von dem Ort entfernt, an dem regelmäßig Zusammenstöße zwischen Palästinensern und der israelischen Polizei stattfinden. Für einige Tänzer aus Jerusalem war es traurigerweise eine Überraschung, dass so etwas wie das Palästinensische Nationaltheater überhaupt existiert, sie nahmen sich vor, einen zukünftigen Austausch anzuregen. Für alle war es schockierend, ihre eigene Realität auf der Bühne zu sehen.“

KAIRO

In Kairo, wo die Größe der Stadt die Größe der berühmten, allgegenwärtigen Pyramiden relativiert, endet die „Zweiland“-Tour mit zwei Vorstellungen im ausverkauften Gomhouria Theater. Tänzer und Team durften nach dem Gastspiel in Kuba 2009 erneut erleben, dass „Zweiland“ den Menschen offensichtlich die Möglichkeit gibt, sich selbst und die sozialen und politischen Kontexte, in denen sie leben, auf der Bühne wiederzufinden.

Es ist sehr wertvoll zu erleben, wie engagiert die junge Kunstszene in der Region ist. Der Mut und die harte Arbeit, die es braucht, in Beirut, Damaskus oder Ramallah ein zeitgenössisches Tanzfestival zu etablieren, können wir nicht hoch genug schätzen. Ich wünsche ihnen allen, die wir getroffen haben, von Herzen Ausdauer, um diesen steinigen Weg zu gehen.

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