Kultur : Tausend grüne Ameisen

Mo Yan destilliert das moderne China zu einem Phantasma

Katrin Hillgruber

LITERATUR

Ist es eine Lotoswurzel oder ein krosser, köstlich duftender Knabenarm, der dem Sonderermittler Ding Gou’er in einer entlegenen Provinz aufgetischt wird? Handelt es sich um die harmlose vegetarische Variante der örtlichen Spezialität „Fleischkind“ oder doch um die schockierende Wahrheit, jenen Beweis des Kannibalismus, den Ding Gou’er im Auftrag der Staatsanwaltschaft erbringen soll? Frisst die Revolution tatsächlich Jahrzehnte später ihre Kinder als Delikatessen?

Mo Yans Roman „Die Schnapsstadt“ aus dem Jahr 1992, der erst jetzt in einer lukullisch-kongenialen Übersetzung vorliegt, wurde vor einiger Zeit von der Realität auf makabre Weise eingeholt: Nach einem Fall von Menschenfresserei „auf Bestellung“ im beschaulichen Rotenburg sorgte in Großbritannien die geplante Ausstrahlung eines Dokumentarfilms für Aufregung. Dieser zeigt angeblich, wie ein aus Shanghai stammender „Künstler“ einen sechs Monate alten Fötus verzehrt.

Der 1955 in Gaomi in der Provinz Shandong geborene Bauernsohn Mo Yan gilt spätestens seit der Verfilmung seines Romans „Das rote Kornfeld“ als einer der bedeutendsten chinesischen Gegenwartsautoren. Nicht nur der japanische Nobelpreisträger Kenzaburo Oe zählt zu seinen großen Bewunderern. Mos Sittengemälde des neuen China, das an Gogols Groteske „Der Revisor“ erinnert, vermischt mit dem technischen Raffinement des Nouveau Roman Zeit- und Bedeutungsebenen, bis dem Leser der Kopf schwirrt und er den „lieblichen Schmetterling seines Bewusstseins“ davonflattern sieht.

Dabei bedient sich Mo Yan einer im Wortsinn süßsauren Metaphorik, die Unschuld und Schrecken impliziert: „Die Kinder trugen bunte Sonntagskleider. Ihre Gesichter waren rund und zart, und in den Augen stand ein Lächeln. (...) Die Kinder sahen aus wie ein marinierter und gewürzter Lammspieß. Die Kinder sind die Zukunft der Nation, ihre Blüten, ihr Schatz. Wer würde es wagen, sie zu überfahren?“ Überall stößt Ding Gou’er, eine Art chinesischer Marlowe, auf traurig-absurde Reste der Revolutionsparolen, die an ein besseres, längst verblasstes Menschenbild gemahnen.

Die des Kannibalismus verdächtigen Funktionäre in der dekadenten „Schnapsstadt“ Jiuguo verstehen es, den Ermittler durch ständig neue kulinarische und erotische Ausschweifungen zu ködern und dadurch zu behindern. Er sieht sich in einem Labyrinth gefangen, in dem sich Hypothesen und Beweise immer stärker überlagern und ins Phantastische abgleiten. Oder hat sich das Ganze nur ein ehrgeiziger Doktorand der Alkoholkunde und Schriftsteller in spe namens Li Yidou („Li Eine Kanne“) ausgedacht, der an den „verehrten Meister Mo Yan“ schreibt, die Feder trunken von 5000 Jahren fernöstlicher Schnapspoesie? Der Roman bleibt bis zum Schluss ein Vexierspiel, berauschend und geheimnisvoll wie das erlesene Destillat „Tausend Grüne Ameisen“ – ein hochprozentiger Genuss.

Mo Yan: Die Schnapsstadt (Jiu Guo). Roman. Aus dem Chinesischen von Peter Weber-Schäfer. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003. 512 Seiten, 22,90 €.

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