Kultur : Tausendundzwei Nächte

König der Vorleser: zum Tod des großen Erzählers Gert Westphal

Hanjo Kesting

Scheherezade erzählt dem König von Samarkand tausendundeine Nacht lang. Mit Märchen und Fabeln bannt sie die Gewalttätigkeit des Königs. Die Märchenerzähler von heute haben die Marktplätze verlassen. Sie sind in die Medien gegangen, in die Rundfunk- und Schallplattenstudios. Über das Mikrofon eröffnen sich im Klang einer Stimme ganze Welten der Imagination.

Gert Westphal war einer dieser modernen Märchenerzähler und hier zu Lande gewiss der bekannteste. Seine Stimme ist allen vertraut, die Literatur nicht nur mit dem Auge, sondern auch mit dem Ohr aufnehmen. Keiner hat so wie er Literatur erzählend vergegenwärtigt, keiner so ausdauernd für das Radio, die Schallplatte und Hörbücher produziert. Scheherezades Rekord hat er längst übertroffen. Der komplette Westphal: Er ist kaum zu berechnen nach Bandkilometern, Sendeminuten und Rezitationsstunden.

Früh fing er an. Am 5. Oktober 1920 in Dresden geboren, sprach bereits der fünfjährige Knabe daheim in ein vom Bruder gebasteltes Papiermikrofon. Mit 25, gerade aus dem Krieg zurück, rezierte er in Bremen vor größerem Publikum. 1963 nahm er für den NDR seine erste große Lesung auf: „Joseph und seine Brüder“ von Thomas Mann, gesendet an 28 Abenden. Dergleichen hatte es bislang nicht gegeben. Es wurde ein riesiger Erfolg; der S. Fischer Verlag druckte eine Sonderausgabe des Romans.

Man hat Gert Westphal den „Vorleser der Nation“ genannt – sicher nicht die Traumrolle des Schweizer Staatsbürgers, der er seit den 60er Jahren war. Und den „König der Vorleser“. Der Adelstitel gebührt ihm, aber richtiger als die Bezeichnung Vorleser wäre: Erzähler. Westphal erinnerte daran, dass Erzählen ursprünglich mündliches Erzählen ist, „raunende Beschwörung des Imperfekts“. Er verstand die Texte als Partituren, zielte auf erzählerische Vergegenwärtigung und entrückte den Text zugleich in eine reine Klangwelt, in Sprach- und Wortzauber.

Dabei war er nicht „nur“ Rezitator. Er leitete Hörspielabteilungen im Rundfunk (und produzierte als Regisseur Klassisches wie Stefan Zweigs „Ungeduld des Herzens“), war Chefregisseur im Fernsehen des Südwestfunks, Theaterleiter in Bremen. Und immer wieder stand er auf der Bühne, als Partner von Oskar Werner, Will Quadflieg, Therese Giehse, Gustav Knuth oder Maria Wimmer. 20 Jahre gehörte er dem Ensemble des Züricher Schauspielhauses an. Gelegentlich führte er Theater- und Opernregie, war Journalist für seltene Fälle, nicht zuletzt Autor, vor allem für das Hörspiel. In St. Gallen hielt er 1984 Vorlesungen über das Vorlesen, seine liebste Kunst, die ihn berühmt gemacht hat.

Im Archiv des Norddeutschen Rundfunks in Hannover liegen über 1000 Westphal-Lesungen: von Gryphius und Wieland bis zu Beckett und Thomas Mann. Hier entstanden die meisten der großen Romanlesungen, die im Radio gesendet wurden und später als Hörbücher erschienen. Seine Domäne war die Epik des 19. Jahrhunderts, die Literatur des großen Faltenwurfs: voran Goethe und Fontane und der prunkvolle Ironiker Thomas Mann. Dem erzählerischen Gesamtwerk dieser Autoren hat Westphal seine Stimme geliehen: von den „Wahlverwandtschaften“ bis zu „Effi Briest“, von den „Buddenbrooks“ bis zum „Doktor Faustus“.

Noch weiß ich, wie ich eines Abends, im Alltag befangen, das Radio einschaltete, unwillig zum Zuhören, und dann wieder dem Sog von Westphals Erzählen erlag. War es der Text? War es die Stimme? Beides war bei ihm eine Einheit: die Stimme als Klanggestalt eines Textes, der seine heimliche Mündlichkeit offenbarte. Westphal las aus „Buddenbrooks“, jenes Kapitel, in dem Thomas Buddenbrook Schopenhauer liest. Und Westphal rezitierte nicht nur den Text, die Situation, die Gedanken – in seiner Stimme schwangen alle Gemütszustände und Farben mit, das Spiel des Lichts und die über dem Senator herabsinkenden Abendschatten. Zuhörend schwebte man zwischen Hier und Irgendwo, dem Jetzt und der Ewigkeit. Es war reine Magie. Und doch zugleich ein Artefakt, künstlerische Anverwandlung, die Leiblichkeit des Geistes der Erzählung.

Katia Mann, Thomas Manns Witwe, prägte nach einer Lesung im Kilchberger Haus für Westphals Kunst die Formel: „Des Dichters oberster Mund“. Am Sonntag ist Gert Westphal 82-jährig nach schwerer Krebserkrankung in Zürich gestorben.

Der Autor hat als Leiter der Abteilung „Kulturelles Wort“ im NDR-Hörfunk viele Jahre mit Gert Westphal zusammengearbeitet.

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