Kultur : Teilzeitexperten

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Caroline Fetscher sitzt an den Grünen Tischen dieser Welt

Die Weltpolitik ist eine große Angelegenheit. Und keineswegs so rund wie die Welt selbst. Weltpolitisches kann Geschmackssache sein, Glückssache, Chefsache oder Nebensache. Und noch vielerlei mehr. Wenn die Belange ganzer Länder und Regionen an den Grünen Tischen der Mächtigen verhandelt werden, ist es für die fremden Länder und Regionen sehr wichtig, welche Sorte Sache sie dabei für die Experten draußen sind.

Häufig werden der Weltpolitik, während die Grünen Tische tagen, zugleich Hunderttausende von TeilzeitExperten geboren. Was die Welt selbst nicht immer bemerkt, und was besonders in Konfliktfällen auffällig ist. An privaten Tischen werden die Länder und Regionen, um die es geht, mitunter im Kollektivsingular behandelt: Der Russe, der Franzose, der Amerikaner.

Im Augenblick gibt es einen echten Singular: Saddam. Er bekommt oft nicht mal einen Nachnamen, und alle wissen über ihn Bescheid. Auf der anderen Seite von „Saddam“ steht ein ganz besonders kollektiver Plural: „Die Amerikaner“. Beide Parteien dieses ultimativen Kampfes kennt man vom Fernsehen, wobei man, wie ein deutscher Philosoph mit Vollbart sagt, Fern-Ethiker werde. Es geht also um Gut und Böse. Hitzig blitzten die Augen verbaler Kombattanten auf, wenn einer in der Debatte am Stammtisch, Konferenztisch, Cafétisch die falsche Seite wählt: „Du bist wohl proamerikanisch?!“ oder „Bist Du etwa für Saddam?!“ Selten waren die Verdächtigungen intensiver, die Argumente heftiger – und der Informationsstand niedriger. Nicht einmal am grünen Tisch selbst, wissen die Vollzeitexperten zum Beispiel so ganz genau, was „Saddam“ eigentlich in der Tasche hat. Nur eins, nämlich dass er kein angenehmer Zeitgenosse ist, das wird keiner leugnen. Aber auch „die Amerikaner“ sind sich bei näherem Hinsehen nicht ganz einig.

Damit das Licht der Information die Debatten wenigstens ein bisschen heller macht, haben Aktivisten in Chicago jetzt eine extrem nützliche Internet-Zeitung ins Leben gerufen, www.electronicIraq.net , in der Hoffnung, dass der eine oder andere zwischen den existentiellen Sprachgefechten der Gegenwart mal einen Blick auf geballte Informationen wirft. Dahinter steckt noch eine zweite Hoffnung: Die Hoffnung, dass es beim Sprachgefecht bleibt, und dazu ist dieses selbst die Bedingung. Also: Dranbleiben an der Debatte. Vielleicht aber mit ein paar Fakten-Pfeilen im Köcher.

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