Kultur : Temperament ist nicht alles

YOUNG EURO CLASSIC

Isabel Herzfeld

1950 versammelte das Bayreuther „Jugendfestspieltreffen“ erstmals junge Musiker aus Polen, Frankreich und Ungarn, und bildete so ein fortschrittliches Gegengewicht zum anrüchig gewordenen Geschehen auf dem Grünen Hügel. Als wolle es weiter die historische Schuld abtragen, konzentrierte sich auch das von Pedro Halffter geleitete Programm mit dem Symphonieorchester des Festivals junger Künstler Bayreuth im Konzerthaus ganz auf eine „jüdische“ Thematik. Eher unbestimmt umreißt sie José Maria Sanchez-Verdú im Auftragswerk „Paisajes del placer y de la culpa“. Doch seine dem Geräuschhaften nahe und mikrotonal entgleitende Klanglichkeit lässt an verbrannte Erde denken. Ein im Aufsuchen des „Unschönen“ unerschrockenes Klanggemälde, das in seiner ausgesparten Farbigkeit der extremen Register, seinen abgeschabten Schichtungen an die Malerei Anselm Kiefers erinnert.

Direkten Bezug nimmt Aribert Reimann: Seine Celan-Vertonung „Kum Ori“ gibt dem Bariton Yaron Windmüller Gelegenheit zu ausufernder Kantillation, treibt das Orchester von machtvollen Ausbrüchen in Blech und Tamtam zu zartem Streichergespinst: das Licht des himmlischen Jerusalem. Doch bei aller gewaltsamen Kontrastierung bleibt hier der Ausdruck im Ungefähren befangen. Drückte hier das Orchester ebenfalls ziemlich ungeniert auf die Tube, so bekam das auch Gustav Mahlers 1. Sinfonie nicht gut. Vor allem der Beginn strotzte von rhythmischen Unsicherheiten, und auch sonst zeigten wackelige Einsätze, Intonationstrübungen und trocken-liebloser Klang der „paradiesischen“ Kantilenen, dass Temperament nicht alles ist.

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