Kultur : "Teori": Andreas Kollender sticht mit Georg Forster in See und entdeckt Tahiti

Tina Heidborn

Tahiti - das ist Fremde und Exotik, eine Metapher für das Paradies. 17 Jahre ist Georg Forster jung, als er 1772 zusammen mit seinem Vater, dem Naturforscher Reinhold Forster, den großen James Cook auf Fahrt in die Südsee begleitet. Tahiti, obwohl längst kartografiert, ist das Zauberwort dieser Reise, die eigentlich die terra australis suchen soll. Auf der Expedition wird aus Georg "Teori", die Hauptfigur im Romandebüt des 35-jährigen Andreas Kollender.

Drei Jahre und 18 Tage verbringen die Seefahrer an Bord der "Resolution", legen mehr als 300 000 Kilometer zurück, der erste Mann geht schon vor Kapstadt über Bord. Entdeckungsreisen im 18. Jahrhundert waren elend, wenn sie scheiterten, und glanzvoll nur im Erfolg der Überlebenden. Von Seefahrer-Romantik ist bei Kollender keine Spur. Dies ist keine heroische Abenteuerfahrt, aber auch kein sozialdramatischer Reisebericht von unten. Hier geht es nicht um Cooks Entdeckungstour, dies ist Forsters persönlicher Erlebnisbericht, basierend auf seinem eigenen Reisebericht, fiktional ausgeschmückt. Eine Seefahrt als Bildungs- und Entwicklungsroman.

So dankbar ist das Thema, dass die Bilder im Kopf des Lesers beinahe von selbst entstehen. Knapp und klar ist Kollenders Sprache, schmucklos, bisweilen eher auf- als erzählend, dennoch eindrücklich in den Beschreibungen. Für die einsetzende Sprachlosigkeit in der Monotonie der Monate auf See braucht Kollender nur einen Satz: "Anekdoten gab es nicht mehr." An seinen besten Stellen verbirgt der Roman fantasiebeflügelnde Szenen hinter dürren Worten. "Der Regen verhinderte Orgien an Deck", heißt es bei der Ankunft in Charlottensund, als die ausgehungerten englischen Seeleuten nicht nur Proviant von den Eingeborenen kaufen, sondern auch deren Frauen.

Doch Kollenders Lakonie im Erzählen wird dort schwierig, wo es um Subtileres als um Landschaften und um Komplizierteres als um die physischen Entbehrungen einer solchen Fahrt geht. "Noch über zwei Jahre", lässt Kollender den jungen Forster an einer Stelle denken. "Wie würden sich die Charaktere zuspitzen, wenn es wieder ins Eis ging, wenn die Versorgungslage nicht mehr so passabel war wie jetzt, wenn Skorbut ausbrach und Tote in Leinensäcken über Bord geschmissen wurden?"

Genau diese innere Spannung entwickelt der Roman nicht. Insel für Insel, schön chronologisch fährt die Erzählung die Stationen der Tour ab, und bringt einem die Personen doch nicht nahe. Georgs Forsters Sehnsucht nach dem wahren Leben, die er an Tahiti fest macht, seine klarsichtige Sozial- und Gesellschaftskritik, die er gegen den Willen des Vaters in den Reisebericht schreibt, machen ihn nicht wirklich lebendig. Das chronistische, Berichtende und letztlich unlebendige Moment wird durch Kollenders Vorliebe für indirekte Rede in Gesprächsszenen, von denen es ohnehin nur wenige gibt, noch verstärkt. Als Leser reist man in diesem Roman mit nach Tahiti und ins ewige Eis. Man liest kluge Gedanken über Zivilisation und an einigen Stellen entdeckt man geschliffene Formulierungen und eindrucksvolle Bilder. Aber irgendwann gewöhnt man sich an die Exotik.

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