Kultur : Terror für die Teenies

Wenn alle über deine Socken lästern: „Dreizehn“ erzählt von der Macht der Werbung

Steffen Kraft

Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse Mädchen kriegen ein Piercing. Tracy ist alles andere als böse. In der Schule schreibt sie hervorragende Arbeiten, zu Hause kleine Gedichte, die sie ihrer Mutter vorliest. Trotzdem lässt sich die 13-Jährige einen Metallstift durch die Zunge schießen. Das Mädchen hat gemerkt, worauf es ankommt: auf die richtige Schlaghose, die korrekten Armreifen, das perfekte Make-up und eben auf den vorgeblich bösen Zungenschmuck. Doch bald flirtet Tracy mit mehr als dem Schein des Bösen. Als sie Evie, das beliebteste Mädchen der Schule, zur Freundin gewinnt, testet sie nicht nur Kokain. Immer häufiger verringert sie ihren inneren Druck mit Rasierklingen-Schnitten auf dem Unterarm.

„Dreizehn“ legt dort los, wo übliche High-School-Filme in Richtung Happy End abbiegen. Catherine Hardwickes Regie-Debüt spielt nur mit dem Genre des Teenie-Films, um eigentlich die Schattenseiten des properen Mädchen-Daseins zu zeigen. Zu Beginn erinnern die Bilder noch an die bunten Pop-Welten der Pubertätskomödien. Doch ebenso wie Protagonistin Tracy (Evan Rachel Wood), die im Lauf der Zeit durch ihre Ritz-Experimente immer mehr Blut verliert, bleichen die Farben langsam aus. Hardwicke hat das Skript zusammen mit der damals 13-jährigen Nikki Reed geschrieben, die die Rolle der Freundin Evie spielt.

Die Authentizität des Skripts bewahrt den Film vor den Platitüden, mit denen das Kino pubertären Wirren sonst häufig beizukommen sucht. Hardwicke bedient weder das allfällige Klischee vom Hormonüberschuss, das Komödien wie „American Pie“ prägt, noch das Stereotyp der emotionalen Vernachlässigung. Ihr genügen unscheinbare Erlebnisse, um die dramatische Innenspannung des Teenagers deutlich zu machen: So räumt Tracy einmal panisch ihren kompletten Kleiderschrank aus, nur weil sich ein Mädchen auf dem Schulhof abfällig über ihre Socken geäußert hat.

Tracy braucht im Wettkampf um die Gunst der anderen schlicht Beistand. Ihre Mutter versucht zwar, sie zu unterstützen, weiß aber oft selber nicht, wie sie über die Runden kommen soll. Die Jury in Locarno, die den Film mit einem Silbernen Leoparden auszeichnete, verlieh Holly Hunter einen Darstellerinnen-Preis. Hunter – sie macht die Nebenfigur der Mutter bedrängend präsent – muss immer wieder den Boden unter den Füßen verlieren und plötzlich hilflos verstummen, wenn die Tochter sie anbrüllt: „Ja, Mum, ich habe keinen BH an und keine Unterhose! Ob es dir passt oder nicht!“

Bei aller Schlagfertigkeit von Töchtern: Hardwicke ist da wohl den Wunschvorstellungen ihrer jungen Ko-Autorin aufgesessen. Tracy zeigt penetrant, dass ihre Zunge nicht nur gepierct, sondern auch ganz schön spitz ist. Der hauptsächlich mit der Handkamera gedrehte Film wirkt oft packend authentisch – allein die rhetorische Souveränität Tracys passt wenig zur Panik des Mädchens, im Strudel der Pubertät unterzugehen. Und so müssen der Selbsthass, das Böse, die Verlorenheit Tracy erst ganz aus der Bahn schleudern, damit sie am Ende wieder zu sich kommen kann.

Central, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, Kulturbrauerei, Rollberg, Cinestar SonyCenter (OV)

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