Kultur : Terror und die Medien: Unheilige Bekenntnisse

Andrea Nüsse

Bis zu den Anschlägen in den USA am 11. September hatten viele Menschen in der arabischen Welt noch nie von Osama bin Laden gehört. Bis dahin war der ehemalige saudische Staatsbürger, der seit Jahren in Afghanistan lebt, nur in Saudi-Arabien und im westlichen Pakistan wirklich bekannt und auch populär. Das überrascht wenig, war sein Kampf doch jahrelang lokal begrenzt und richtete sich hauptsächlich gegen das saudische Königshaus, dem er vor allem die Stationierung Tausender US-Soldaten auf dem gleichen Boden vorwarf, der die beiden heiligsten Stätten des Islam beherbergt.

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Hintergrund: US-Streitkräfte und Verbündete
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
Schwerpunkt: Afghanistan
Chronologie: Terroranschläge in den USA und die Folgen
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags
Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Bereits 1998 hat bin Laden seinen Kampf ausgeweitet und Amerikanern und Juden weltweit den Kampf angesagt. Seinen Bekanntheitsgrad in der gesamten islamischen Welt hat dies nicht erhöht. Dies geschah erst, als Washington ihn als Hauptverdächtigen für die Anschläge in den USA präsentierte. Seither war der in den Bergen Afghanistans versteckte Multimillionär in aller Munde. Und während die USA jene Berge bombardieren, auch mit dem Ziel, bin Laden ausfindig zu machen, kommuniziert dieser über das Fernsehen direkt mit der Welt.

Der arabische Fernsehsender Al Dschasira aus Qatar hatte am Sonntag, kurz nach Beginn der Luftangriffe, ein Videoband gezeigt, in dem bin Laden, der Sprecher seiner Al-Qaida-Gruppe, Sulaiman Abu Ghaith, und der verbündete Ex-Chef des ägyptischen Islamischen Dschihad, Ayman al-Zawahri, die Terrorangriffe auf die USA lobten. Das von der Gruppe selbst aufgenommene Video war am Sonntag bei Al Dschasira eingegangen, hieß es vom Sender. Dieser strahlte das Band in voller Länge ohne journalistische Bearbeitung aus. Am Dienstagabend dann rief Abu Ghaith erneut per Videokassette die Muslime zum "Heiligen Krieg" gegen die USA auf. Dies sei die Pflicht jedes Moslems angesichts des "Kreuzzugs" gegen das muslimische Volk von Afghanistan. Gleichzeitig kündigte er an, dass der "Sturm der Flugzeuge fortgesetzt" werde, weil "Tausende Jugendliche in der islamischen Nation erpicht darauf sind zu sterben, genau wie die Amerikaner erpicht darauf sind zu leben". Der Krieg werde fortgesetzt, bis Amerika seine "Unterstützung der Juden" und das Embargo gegen Irak beende. Im ersten Video hatte bin Laden verkündet, Amerika werde so lange nicht sicher sein, wie die Palästinenser sich nicht sicher fühlen könnten.

Damit nutzt der in den Bergen Afghanistans versteckte Mann das mächtigste Kommunikationsmittel der Welt, um für Unterstützung für seinen Kampf gegen die USA zu werben. Dabei war der Kontrast zwischen den technisch hochwertigen Videobändern, die nichts von einem Amateurfilm hatten, und der steinzeitlichen Felskulisse, vor der sich die Sprecher präsentierten, auffällig. Dass Osama bin Laden sich mit diesen Rechtfertigungen von Terrorakten an die Welt wenden kann, verdankt er dem arabischen Satellitensender Al Dschasira. Der Sender rechtfertigt die Ausstrahlung der Videobänder in voller Länge damit, dass er alle Parteien in dem Konflikt zu Wort kommen läßt. Zwar wird im Anschluss an die Ausstrahlung auch kritisch mit dem Material umgegangen. Beispielsweise wurden Taliban-Vertreter gefragt, ob sie angesichts dieser Äußerungen bin Laden immer noch als Gast beherbergen wollten. Aber es ist doch problematisch, solche Äußerungen ohne Einschätzung oder Kommentierung einfach in der Form, die sich die Verfasser wünschen, weiterzugeben - quasi als Pressekonferenz.

Erschreckende Botschaften

Und seit der Ausstrahlung der unbearbeiteten Videobotschaften stellt sich natürlich die Frage, ob man dem Terrorismus damit nicht Vorschub leistet, denn bin Ladens Ziel ist es, die Muslime hinter sich zu bringen: Durch die Verknüpfung der Terrorakte mit den Ereignissen in Palästina und Irak, die in der arabischen Welt große Emotionen wecken, und dem Appel an alle Muslime, den Kampf gegen Amerika aufzunehmen, der eine religiöse Pflicht sei angesichts der Angriffe auf ein islamisches Land.

Die Ausstrahlung hat sicher dazu geführt, dass Islamisten in Gaza Plakate von bin Laden hochhalten, der bisher scheinbar überhaupt keinen Kontakt mit palästinensischen Gruppen oder den Ereignissen in Palästina hatte. Andererseits haben die Reden aber auch viele Muslime aufgeschreckt. Denn sie nehmen die Fernsehauftritte als Anzeichen dafür, dass Islamisten für die Terroranschläge verantwortlich sein könnten. So hat sich Ägyptens Präsident Hosni Mubarak, der sich bisher sehr zurückhaltend über die US-Pläne geäußert hatte, am Dienstag so deutlich wie noch nie hinter die Angriffe auf Afghanistan gestellt. Dies mag ein Effekt der erschreckenden Videobotschaften gewesen sein.

Ein saudischer Geistlicher hat den Aufruf bin Ladens zum Heiligen Krieg zurückgewiesen: Der Dschihad verbiete das Töten unschuldiger Zivilisten, erklärte er dem selbst ernannten Hüter des Islam. Es könnte also sein, dass die Medienauftritte bin Ladens dazu führen, dass sich viele Muslime, die dessen Kritik an den USA und Saudi-Arabien unterstützen, sich nach diesem Bekenntnis zum Terrorismus von ihm abwenden.

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