Thalia Theater : Twitter, Laien, Kennedys

Luk Percevals Einstand am Thalia Theater: Bei "2 be or not 2 be" durften Hamburger Selbstdarsteller und Laienschauspieler auf die Bühne und sich Gedanken über Hamlet machen.

Katrin Ullmann

Joachim Lux will, so sagt er, „die Bühne zurückgeben an die Bürger der Stadt.“ Und, oh, Schreck! – der neue Intendant des Thalia Theaters, vormals Chefdramaturg am Wiener Burgtheater, meint das wörtlich: Mit „2 be or not 2 be“ widmet er den Hamburgern seinen Spielzeiteröffnungsabend: Bühne frei für alle Selbstdarsteller und Laienschauspieler. Hamlets Monolog ist Thema der Veranstaltung – unter der Leitung von Luk Perceval.

Der Belgier zeigt als Hausregisseur am Thalia in seiner ersten Spielzeit gleich fünf alte und neue Arbeiten. Für „2 be or not 2 be“ waren alle Hamburger aufgefordert, sich Gedanken über Hamlet zu machen. Alles war erlaubt. Nur eine Vorgabe gab es: Jeder Darsteller durfte nur zweieinhalb Minuten ran. 80 Darbietungen von 240 Bürgern sind an diesem Abend zu sehen. Von Ausdruckstanz über Hochschulvorsprechen bis zu Shakespeare-Monologen auf Plattdeutsch, Englisch oder Portugiesisch. Schulklassen stehen auf der Bühne, Folkloretanzgruppen, die Künstlerhausbesetzer-Initiative aus dem Gänge-Viertel. Vier Stunden unzensiertes Laientheater – da dehnt sich die kurze Zeit oft zu einer Ewigkeit, ist der Gong eine Erlösung für Darsteller und Publikum. Perceval will das Theater rausholen aus der „kultivierten Kaste“, weg von den „Spezialisten“. Auf ein Identität stiftendes „soziales Netzwerk Thalia Theater“ hofft sein Intendant und verlinkt die Theaterwebsite, seine „dritte Bühne“, mit Twitter und Facebook. Doch den Community-Gedanken verspielt Lux gleich am ersten Abend. Wohlwollend kann man diese peinliche, laienhafte Eröffnungspremiere als Willkommensgeste lesen. Doch ist sie tatsächlich ein plumpes Marketingtool, mit dem Lux jüngeres Theaterpublikum zu gewinnen versucht. Am Ende bleibt die Sehnsucht nach echten Schauspielern und ihren Tricks.

Einen Abend später wagt sich Perceval mit „The truth about the Kennedys“ an ein so schillerndes wie brüchiges Familienepos, an einen für die Bühne geradezu prädestinierten Stoff. Die Geschichte vom Aufstieg und Fall in der amerikanischen Gesellschaft und Politik; angefangen vom irischen Kartoffelbauern Patrick, der 1849 als erster sein Glück in Amerika versuchte, über JFK bis hin zum jüngsten, vor zwei Wochen verstorbenen Sohn Edward. Es ist dies eine Geschichte über Geld, Macht und Schicksal, in der auch Charme und Charisma eine Rolle spielen.

Mit zehn Schauspielern besetzt Perceval die Sippe, stellt sie auf eine leere, stetig rotierende Drehbühne und lässt sie durch die Epochen schreiten. Hans Kremer spielt den ehrgeizigen Joe senior, Bibiana Beglau seine gottesfürchtige Ehefrau Rose. Die Besetzung der Familienoberhäupter ist grandios, doch auch die anderen acht Darsteller überzeugen – darunter André Szymanski als leutseliger Robert F., Bernd Grawert als speichelleckender Journalist Arthur Krock, Nadja Schönfeldt als unnahbare Jackie. Vor meterhohen Stapeln aus Zeitungspapier, auf die die vertrauten Medienbilder projiziert werden, erzählen sie die Geschichte der Kennedys.

Man erfährt sehr viel Historisches, ein wenig Menschliches, noch weniger Spekulatives und nichts Mystisches. Luk Perceval formt aus dem Familienepos, das seinen ikonenhaften Ruhm dem aufblühenden Medium Fernsehen verdankt, ein Blueprint für die Theaterrealität, eine Abbildung der Abbildung. Seine Kennedy-Erzählung ist eine Faktensammlung ohne Geheimnis, ohne Wahrheit oder Lüge, ohne Emotion, Fokus oder Regieidee. Nur die Ensembleleistung ist wirklich erstklassig – ansonsten empfiehlt sich die Lektüre einer gut recherchierten Kennedy-Biografie. Katrin Ullmann

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