Kultur : The Fine Art Resource: Zwischen den Kontinenten

Michaela Nolte

Es beginnt scheinbar harmlos: Der erste Blick in die Galerie The Fine Art Resource streift flüchtig daherkommende Aquarelle. Vage Körperstudien, die meisten kaum größer als ein DIN-A-4-Blatt, ihre Malweise zeugt von sicherer Spontaneität, die Farbpalette ist erdig und warm. "Civitella Ranieri" nennt Atul Dodiya seine Serie (3000 bis 7000 Mark) entsprechend einer italienischen Stadt, wo sie 1999 entstanden. In der luziden Natur Umbriens, fernab seiner Geburts- und Heimatstadt Bombay, suchte der Künstler vertrautes Terrain, und so widmete er sich dem menschlichen Körper. Spielerisch und dynamisch fließt ein männlicher Torso mit einem Wal ineinander; mit ruhiger Gewissheit liegt ein weiblicher Akt auf einem Kamel, dessen Konturen die Pyramiden im Hintergrund aufgreifen. Eine Frau tanzt anmutig im offenen Meer, die Umrisse des indischen Subkontinents umarmend. Einen geschickten Übergang von den intimen Aquarellen zu den Hauptwerken der Ausstellung "Tearscape" bilden zwei farbintensive Großformate der Serie "An Artist of Non-Violence" von 1998.

Verklausuliert und mit surrealen Konnotationen gibt sich der Maler als politischer Chronist. "S. S. Rajputana" und "Sales of Khadi" (je 18 000 Mark) thematisieren subtil den Kampf Mahatma Gandhis um die Unabhängigkeit Indiens. Die "Tearscape"-Bilder steigern die Erfahrungen der beiden vorherigen Reihen zu empathischem Patriotismus. Anleihen an die westliche Moderne sind unverkennbar, in einigen Arbeiten klar beabsichtigt. Und doch erinnert jedes Bild mit kartographischen Umrissen oder collagierten Fetzen an die indische Herkunft. "Householder" zeigt eine entrückte Landschaft mit Léger-Figur, deren Rückgrat Brancusis "Endless Column" zitiert. Doch das Sinnbild der Leichtigkeit wirkt gefangen im monolithischen Körper des Riesen, der sich kraftlos auf das winzige Haus stützt - letzter Halt, letzte Hoffnung.

Formal wie inhaltlich sucht der 1959 geborene Künstler mit den zehn Aquarellen Polaritäten auszuloten. Westliche und östliche Stilelemente verschmelzen dabei zu einer eigenwilligen, manchmal theatralen Sprache, die zwischen den Kontinenten angesiedelt ist. Dodiyas Figuren scheinen einer Tradition verhaftet und doch heimatlos; dahintreibend wie die Schiffe, die all seine Bilder beiläufig passieren, oder aber wie unzählige seiner Landsleute, die bis heute auf den Straßen leben. Ihre Sehnsucht vermittelt die überdimensionale Figur in "Houseboat" (12 000 Mark). Die Knochen liegen frei, formatfüllend überragt das spinnenartige Wesen die Behausung.

Während Dodiya sein Figurenarsenal dem Reich des Totentanzes entlehnt, scheint das Material aus einem diesseitigen Kabinett der Kostbarkeiten. Reliefartig markiert edler Marmorstaub den Körper der "Woman with Chakki". Dennoch konterkariert der kompakte Auftrag die anatomische Transparenz: Grünlich schimmernde Nervenbahnen lassen das maskenhafte Gesicht eine Getreidemühle (Chakki) drehen - ob die Saat auf den fruchtbaren Boden der Mutter Indien fällt, bleibt zweifelhaft. Der ausgeprägte Ästhetizismus und die Eleganz der Bilder agieren bisweilen an der Grenze zum Geschmäcklerischen; doch zu den fragmentierten Körpern - und ihrem ostentativen Leiden - verhält sich ihre Schönheit wie die Ruhe zum Sturm.

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