Kultur : The United States of Europe

Durch Streit entsteht Identität: Europas Chancen, in die postnationale Epoche einzutreten, wachsen in der Krise

Caroline Fetscher

Aus Europa und von noch weiter her waren sie über den Atlantik gekommen, die Arbeiter des Automobilherstellers Ford. An der betriebseigenen „Ford English School“, die 1913 ihre Tore öffnete, lernten die Immigranten die Sprache der USA und das staatsbürgerliche ABC. Zum Studienabschluss gab es ab 1916 eine Zeremonie, eine Art Rites de passage. Auf einer Bühne war eine Schiffsrampe aufgebaut, von der die Griechen, Italiener, Syrer, Inder oder Österreicher mit einem Bündel Habseligkeiten, in der Tracht ihrer Heimat, in einen riesigen Tiegel hineinliefen. Auf der anderen Seite kamen sie, als moderne Amerikaner bekleidet und mit einem US-Fähnchen in der Hand, heraus. Ein nationales Wunder war inszeniert: Der Schmelztiegel Amerika hatte „alle gleich“ gemacht.

Undankbares Abendland

Was im Rückblick als fast anrührender Versuch nationaler Konstruktion wirkt, zitiert der kalifornische Historiker Russell Jacoby kritisch: Im symbolischen Auslöschen der Unterschiede entstehe deren Verleugnung. Dennoch war das Ritual symptomatisch. Schließlich entstand jenseits des Atlantik eine Neue Welt. Ihre Skepsis gegenüber dem ethnischen Flickenteppich Europa haben die – stets selbst mit ethnischen Binnenspannungen belasteten – USA nie verloren.

Aber antieuropäisch – nein, das waren Amerikaner nie. „It’s antiiique!“ lautet der verzückte Ausruf von US-Touristen vor Alt-Europas Kulturtempeln. Gershwin komponierte den „Amerikaner in Paris“ mit Sehnsucht und Charme. Und: Den eisernen Vorhang in Europa einzureißen, arbeiteten ganze Diplomatenteams des Weißen Hauses bis zum Ende des Kalten Krieges. Condoleezza Rice, schon 1989 Beraterin im Stab des Nationalen Sicherheitsrates der USA, verfasste mit ihrem Kollegen Philip Zelikow das 600 Seiten- Werk „Sternstunde der Diplomatie. Die deutsche Einheit und das Ende der Spaltung Europas“ (Propyläen, 1997), eine hölzerne, doch von Pathos getragene Hommage an die neuen Wege der Alten Welt.

Antiamerikanisch waren auch die Europäer ihrerseits in den vergangenen Jahrzehnten keineswegs. Sie wussten und wissen zu differenzieren zwischen amerikanischer Pop-Musik, Hollywood-Begeisterung und den militärischen Ausflügen der USA in die Weltpolitik, auf denen sie, von Vietnam bis Nicaragua, Unheil stifteten. Amerika, das Leben als Roadmovie, die Freiheit, das Land von Woodstock und „Greenpeace“ – das war etwas anderes als Amerika, die Regierung.

Amerika, der melting pot, der radikalste Katalysator der Ideen der französischen Revolution, ist deren größter Erbe. Und Amerika bedeutete auch: Einsatz für das Völkerrecht. US-Strategen brachten Churchill dazu, den Nürnberger Prozessen zuzustimmen. Er hätte die Verbrecher in Nazi-Deutschland lieber an die Wand gestellt.

Europa war Schützling und Nutznießer der USA, bis nicht mehr die Rede sein musste vom „atomaren Patt“. Da begann sich neben der weltgrößten Supermacht, den USA, ein transatlantisches Pendant zu formieren, sozusagen die Vereinigten Staaten von Europa: United States of Europe, USE, Euro-Land. Zu Gast auf der Tagung eines amerikanischen thinktanks schlug eine deutsche Journalistin unlängst vor, sich doch einfach an der Perspektive einer Ehe zwischen zwei starken Partnern zu erfreuen. Wait a moment! riefen die Amerikaner, schon in der Verlobungsphase müsse klar sein: Die EU werde die traditionelle Rolle einer Ehefrau einnehmen. „The lead nation, that’s us“, erklärten die Diplomaten und Politikberater mit Empörung: Wie können Europäer solche Hybris zeigen? Haben wir nicht im Kalten Krieg unser schützendes Schild vor sie gehalten?

Anlass zur Angst vor den „USE“ besteht trotzdem nicht. Das beweist nicht zuletzt der von Tony Blair, José Maria Aznar, Vaclav Havel und fünf anderen Staatschefs Europas unterzeichnete Offene Brief zur Unterstützung von Amerikas Irakkurs – in stiller Kritik an Deutschland und Frankreich. Europa sei „gespalten“, wird geklagt, die „Süddeutsche Zeitung“ sieht einen „zerbrochenen Krug“. Als sei Europa je ein Gefäß gewesen wie der Schmelztiegel, durch den Fords Arbeiter symbolisch einwanderten.

Zerbrochener Trug

Allenfalls bedeutet die Erklärung der acht Regierungschefs einen zerbrochenen Trug. Die gemeinsamen Scheine des Euro haben kein Pendant in einem gemeinsam getragenen Identitäts-Projekt, in einem „europäischen Patriotismus“ gefunden. Wer sagt „Ich bin Europäer“, erklärt das allenfalls programmatisch. Worauf sollte er sich beziehen? Auf welche Normen, Werte, Prinzipien, kulturelle Einheit zwischen Island und der Türkei, Norwegen und Portugal, Schweden und Slowenien?

Ich bin Demokrat, ich bin Kosmopolitin: Das sind derzeit weitaus eher identitätspolitische, postnationale Optionen, als Europäer oder Europäerin zu sein. Zur Zeit konstruieren die Zerfallsprodukte der Sowjetunion und Jugoslawiens in sämtlichen neuen Entitäten „Nationalcharaktere“. Europa bedeutet für die meisten Ost- und Südosteuropäer vor allem den Anschluss an ein westlich geprägtes Wirtschaftsterritorium. Projekte zu Demokratie werden in diesen Ländern großenteils von amerikanischen Stiftungen und Regierungsorganisationen wie Freedom House und USAID finanziert, seit einem Jahrzehnt.

Nur wenige politische Köpfe, wie Joschka Fischer mit seinem Vorschlag für eine Europäische Verfassung, streben zielbewusst auf ein geeintes, postnationales Europa zu. Setzen sich Schriftsteller Europas zusammen, um, wie diese Woche in Hamburg, auf dem Symposium, dem das dortige Literaturhaus den tastenden Titel „Europe – Europa: Was ist das Europäische an den Literaturen Europas?“ verlieh, dann ist der Ertrag nichts als die Einsicht in Inhomogenität und Vielfalt. „Der Kult des Nationalgefühls wird verschwinden“, prophezeite in Hamburg der litauische Autor Thomas Venclova, „ das Heimatgefühl und die Liebe für eine bestimmte Region wird es, denke ich, immer geben.“

Das Wesentliche lassen alle Befunde zu Europa außer Acht: Es gibt keine Spaltung der Welt in „Europa und Amerika“ oder „zwei Teile Europas“. Es gibt eine Spaltung der Welt in demokratische und nichtdemokratische Regierungen und Regime. Innerhalb der demokratischen ist man sich seiner Sendung bewusst, der Rest müsse mit ins Boot geholt werden. Hier ist Amerikas Regierung, wie einst Fords Schoolmanager, drängend und kategorisch, pragmatisch bis zur Rücksichtslosigkeit – gewiss nicht ohne wirtschaftliches Kalkül. Europa spricht weniger mit einer Stimme, wie es nicht mit einer Sprache spricht.

Von einer europäischen Gesellschaft, die eine suprastaatliche Demokratie darstellen könnte, sind wir noch weit entfernt. Nicht einmal die Mehrsprachigkeit an Grundschulen ist irgendwo soweit entwickelt, dass die kommende Generation eine Lingua Franca, etwa Englisch, zur Verfügung hätte. Blättern wir im Geschichtsatlas durch die Jahrhunderte, sehen wir in Europa überall Pfeile; alle Pfeile bedeuten Wanderungen, Eroberungen, Gebietsänderungen. Ein pausenloses Aufbrechen und Ankommen, Verweilen, Weiterziehen prägt die Epochen, gigantische Migrationsschübe. Im Mythos der Jungfrau Europa, Tochter eines minoischen Königs, die von Zeus nach Kreta entführt wird, spiegelt sich eine dieser Bewegungen wieder, die Verschiebung eines Machtschwerpunkts, einer Deutungszentrale. In „Die postnationale Konstellation“ hat Jürgen Habermas die „Nation“ als Konstrukt beschrieben, als einen Begriff, der sich aus fiktiven biologischen und territorialen Konstanten zusammensetzt.

Im Zeitraffer vollzog Amerika, was in Europa Jahrhunderte gedauert hatte: Der „Schmelztiegel“ amalgamierte die nationalen Identitäten zu einer historisch neuen, der amerikanischen Identität. Vom „genetischen“ Gedanken der „Nation“, wie in Europa, ist in den USA wenig zu hören. Patriotismus, nicht die Konstruktion von Nation als Rasse, bildet dort die kollektive Grundlage.

Das Projekt Demokratie

Setzen wir dem Fortschritt, der Aufklärung das Ziel, die „Nation“ zu überwinden, eine gerechtere, postnationale Welt zu gestalten, in der Außenpolitik und Innenpolitik in einem einzigen ethischen Kontext Geltung haben, dann sind weder Europa noch Amerika soweit, das Projekt zu beginnen – von autoritären Regimen ganz zu schweigen. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erklärte Emile Durkheim seinen Studenten in Bordeaux und Paris: „Ein Volk ist um so demokratischer, je größer die Rolle der Reflexion und des kritischen Geistes in der Regelung seiner öffentlichen Angelegenheiten ausfällt. Und umgekehrt ist es um so weniger demokratisch, je größer das Gewicht des Unbewussten, der uneingestandenen Gewohnheiten, kurz: der jeder Überprüfung entzogenen Vorurteile ist."

Was eine Gesellschaftleisten muss, um ein Maximum an Demokratie zu entwickeln, muss eine Staatengemeinschaft in noch stärkerem Maße, und eine gemeinsame „Weltpolitik“ erst recht. Es wird nicht jeder auf dem Globus durch einen Ford’schen Tiegel wandern, Spannungen zwischen Regionen werden bleiben. Aber Demokratie kann optimiert werden und sich ausweiten.

Ob es im Augenblick darum geht, dass die USA die arabische Welt reformieren wollen, oder den großen Öl-Coup landen, oder beides, darüber ist nicht nur Europa zerstritten. Dieser Streit findet auf allen Kontinenten statt, zwischen Regierungen und Bevölkerungsgruppen, auch in Amerika. Für Europa ist die „Spaltung“ eine Chance – im Zwist erkennt der Kontinent seine Effizienzlücken, seine Defizite. Europäische Reflexion setzt ein, und damit Identitätsbildung. Schließlich ist Europa heute auf der Landkarte immerhin das: ein Ballungsraum funktionierender Demokratien. Während es 1950 nur 25 solcher Staaten gab, waren es 2000 weltweit über 150 Demokratien. Deren größte sind immer noch die USA. Gemeinsam ist allen das bisher erfolgreiche Projekt, diese Staatsform voranzubringen – eins, das weit über den Horizont des akuten Streits hinausweist.

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