Theater : Auf dem Rammelplatz

Das Deutsche Theater Berlin feiert seine Wiedereröffnung - und blamiert sich mit Karin Henkels "Gefährlichen Liebschaften".

Rüdiger Schaper

Bei Didi Hallervorden hieß das früher „ein gespielter Witz“. Hier erlebt man jetzt, allerdings im gefeierten Deutschen Theater Berlin, zur großen Wiedereröffnung, mit einigen der besten Schauspieler des Ensembles, mit einem komplexen, provokationsstarken Text – einen gespielten, altmodischen Häschenwitz. Und der dauert zwei Stunden.

Man windet sich vor Scham in den neuen, deutlich bequemeren Sitzen. Hattu Worte? Auch die Sicht ist verbessert. Es herrscht ein freieres Raumgefühl, das Haus kann frisch durchatmen. Die Renovierung hat dem DT gutgetan, die Arbeit ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Die Wände sind bis zum Sommer mit einer Baustellenfoto-Tapete verkleidet. Elegantes Provisorium.

Dass sie unfertig sei, lässt sich von Karin Henkels Inszenierung der „Gefährlichen Liebschaften“ leider nicht sagen. Hier liegt ein Totalschaden vor, ein peinliches, groteskes Missverständnis. Hattu das gesehen? Henkel und ihr Kostümbildner Klaus Bruns stecken Constanze Becker und Wolfram Koch, die Marquise de Merteuil und den Vicomte de Valmont, in grauenvolle Ganzkörper-Hasen-Outfits. Hattu dafür eine Erklärung? Nun, es könnte sein, dass Henkel es ernst meint. Dass sie glaubt, so ein Hasenkostüm sei die passende Arbeitskleidung für zwei klassische Libertins und berühmte Rammler wie den Vicomte und die Marquise. Sie tun es hier ausgiebig, mit wippenden Ohren und wackelndem Schwänzchen. Brüste und Penis werden mit Klettverschluss aufs Hasenfell appliziert. Sie hüpfen auf die Bühne mit einem lauten Furz – der Abend stinkt. Es hagelt Buhrufe.

Gewiss, es lag erheblicher Druck auf der Premiere. Der Regierende Bürgermeister kam zur Feier des Tages und hielt eine Rede im Foyer. Berlin leistet sich was. Die Stadt ist gar nicht so arm, wie sie gern tut. Nicht nur das DT, auch die Volksbühne und demnächst die Staatsoper werden grundlegend saniert. Das DT will endlich wieder Heimspiele. Aber das ist keine Entschuldigung für diese Blamage. Interimsintendant Oliver Reese hätte diese entbehrlichen „Liebschaften“ absagen müssen. Und wenn er den Mumm nicht hatte, warum haben sich die Schauspieler nicht gewehrt gegen eine derart frauenfeindliche, lustfeindliche, geistfeindliche, theaterdumme Veranstaltung?

Ein schweres Stück, ein wunderbarer Stoff. Der vorrevolutionäre Briefroman des Choderlos de Laclos aus dem 18. Jahrhundert wurde von Christopher Hampton und Heiner Müller („Quartett“) dramatisiert, von Stephen Frears verfilmt. Auch in dessen neuem Film „Chéri“, der auf der Berlinale lief, begreift man: Sex geht durch den Kopf. Erotik liegt im Dialog. Heiner Müller trieb es auf die Spitze – das Machtspiel des Paares, das Geficktwerden des Volkes durch den Adel, Revolution und Konterrevolution des Geschlechts. 1994 inszenierte Müller sein „Quartett“ am Berliner Ensemble, mit Marianne Hoppe und Martin Wuttke; ein grandioses (deutsches) Weltuntergangsszenario im Nazibunker. Dies nur als Echoraum, in den Karin Henkel ihre Häschenwitze lallen lässt. Nein, hattu dich nicht verhört: Constanze Becker und Wolfram Koch sondieren den Rammelplatz mit diesem blöden Häschen-Babysprech. Und sie kommen auch nicht mehr richtig aus den Hasenklamotten heraus. Sie sind gefangen in einem Konzept, ohne die geringste Idee, was sie da spielen sollen im Bühnenbild von Stefan Mayer; ein leerer Raum mit Tisch und Mikrofon und einer Art Panoptikum.

Koch rettet sich in die Pose des schwitzenden Verführers, er ackert und rackert sich ab. Groß ist die Schauspielernot. Constanze Becker flüchtet sich in hässliche Hysterie, sie keift und schäumt, und nachher, wenn sie dann endlich einmal das Hasenkostüm abgelegen dürfen, hocken sie erschöpft auf der Couch; ein Paar, das seine sexuelle Freiheit mit Ekel bezahlt. Einsame Schauspieler. Man liebt sie, man schätzt sie, aus so vielen fabelhaften Inszenierungen von Thalheimer, Gotscheff, Gosch. Meike Droste, die die Tourvel spielt, das hartnäckigste Opfer des Valmont, scheint sich an ihren traurigen Tschechow-Figuren festzuhalten.

Es kommt zu den typischen Übersprungshandlungen, wenn sonst nichts geht. Manchmal erkennt man schon an der Art und Weise, wie jemand auf der Bühne einen Apfel isst oder eine Zigarette raucht, dass es nicht stimmt. Dass kein Halt ist, nirgendwo, in Dramaturgie und Regie. Ärgerlich, wie die wenigen Müller-Zitate hier tierisch gebrüllt werden; als sollte jede Bedeutung, jede Zeichenhaftigkeit im Text entsorgt werden, und damit auch jedes Schmerzempfinden.

Trotz aller Rammelei und Stöhnerei, oder vielleicht genau deshalb: Die Inszenierung ist verklemmt. Schlimmeres kann den „Gefährlichen Liebschaften“ nicht passieren. Keine Liebe, keine Gefahr. Kein Intellekt.

Karin Henkel ist aber keine Novizin im Regiebetrieb. Sie hat am Burgtheater, am Schauspielhaus Bochum, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg inszeniert. Mit ihrem Stuttgarter „Platonow“ war sie 2006 zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Eine Sache aber macht stutzig, wenn man sich ihre Arbeitsbiografie anschaut. Ihr Regiedebüt gab sie 1993 am Staatstheater Wiesbaden mit einer Komödie von Coline Serreau: „Hase Hase“. Hattu dir denken können.

Weitere Vorstellungen am 7., 8., 11., 13. und 21. März.

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