Theater : Bruder Attentäter

Manchmal werden Klassiker brennend aktuell: Die Israelin Yael Ronen inszeniert die ''Antigone'' in Dresden als Terrorakt.

Britta Weddeling

Bomben explodieren in sieben Städten. Tausende sterben. Irgendwo in Nahost. Irgendwo in Europa. Vielleicht Deutschland. TV-Bilder flackern auf wie Flammen. Kaum vermag die Leinwand in der Bühnenmitte sie zu halten. Menschen schreien, rennen, sie bluten. Islamistische Terroristen bekennen sich zu den Anschlägen. Auch er scheint zu brennen, der Name des Drahtziehers: Polyneikes. Ein Terrorist aus gutem Hause. Er ist der Bruder Antigones, der Schwiegertochter von Premierminister Kreon, zu dem Yael Ronen, 31-jährige Nachwuchsregisseurin aus Tel Aviv, den antiken König von Theben gemacht hat.

Die Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden, Ronens erste Arbeit für ein deutsches Theater, platziert das Publikum zu beiden Seiten der Spielfläche. Der Zuschauer, der Beobachter, wird selbst beobachtet. Von seinem Gegenüber. Alltag in einer Gesellschaft, in der sich aus Angst vor dem Terror niemand über die totale Überwachung beschwert.

Doch wie weit darf die Gewalt des Staates gehen? Wo endet die Religion und beginnt Politik? Das fragt „Antigone“ seit Sophokles den Mythos 442 v. Chr. dramatisierte. Autokrat Kreon spricht in seiner TV-Rede an die Nation von der „Freiheit der westlichen Welt“, die es „mit allen Mitteln“ zu verteidigen gelte. Auf der Leinwand erscheint dazu das aufgeblasene, pathosschwangere Fernsehgesicht des Schauspielers Philipp Lux. Kreon untersagt die Bestattung von Polyneikes, Staatsfeind Nr. 1, und verhängt den Ausnahmezustand. Überall. In Theben, in Madrid, London, Europa, in Tel Aviv, in ganz Israel, im Nahen Osten, wo er seit Generationen ausgetragen wird, der Krieg der Religionen, wo Islam und Judentum unversöhnlich aufeinanderzuprallen scheinen.

Yael Ronen erlebt den Alltag im Schatten des Terrors täglich selbst. Sie gehört zu einer Generation, die von der Schulbank weg den dreijährigen Armeedienst antreten muss und an der Front im eigenen Land steht. Ronen hat zwei Jahre Militärdienst hinter sich. In ihrem Stück „The Goodlife Guide“ von 2003 zeigt sie die desillusionierte Single-Frau oder den abgebrühten Attentatsreporter, der immer als Erster vor Ort ist, wenn es knallt. Sie sind Stellvertreter einer Jugend, die ihre „eigene Stimme“ erst noch finden müsse, so Ronen. Denn anders als die Eltern oder Großeltern versteht sich die „Dritte Generation“ in Israel nicht länger nur als Opfer. „Wir sind auch Täter“, sagt Ronen.

Und wenn das Vertraute überall auseinanderkracht, gibt es keine „Roadmap“ für das gute Leben. „In Israel ist das Bedürfnis nach Sicherheit größer als alles andere“, sagt Ronen und meint beispielsweise die 2003 gebaute 720 Kilometer lange Sperranlage um das Westjordanland, deren Absurdität ihr Stück „Plonter“ („Verworren“) in diesem Jahr auch auf deutsche Bühnen brachte. „Wie weit der Staat die Freiheit des Einzelnen zugunsten der inneren Sicherheit einschränken darf, ist in Israel längst beantwortet“, sagt Ronen.

Auch Premier Kreon greift rigide durch gegen den Terror. Er lässt Antigone, die in Ronens Inszenierung eine Muslimin ist, verhaften, nachdem sie den Attentäter Polyneikes beerdigt hat. Auf ihrem Weg ins Gefängnis erklingt schaurig die dunkle, geniale Hölderlin-Übersetzung, die der Musik so viel näher steht als dem Wort, gesungen von Schauspielerin Anya Fischer.

Anders als bei Sophokles oder Hegel entspringt der tragische Konflikt nicht länger einer Kollision von Öffentlichem und Privatem. Hier ist Religion längst Politikum. In hebräischer Sprache hetzt Volkstribun Teiresias die Massen gegen Kreon. Doch der lässt den Aufstand roh niederschlagen.

Die Demokratie im freien Verfall. Aus dem Schnürboden krachen Keramikplatten auf die Bühne. Antigone wankt im Schutt. Zuletzt erhängt sie sich wie Ulrike Meinhof am Fenster ihrer Gefängniszelle. Irgendwo tropft es. Die Eisblöcke im Bühnenzentrum, antike Köpfe, sie schmelzen, vielleicht Urväter der Demokratie, vielleicht Sophokles. Auf „Klassiker“ will das junge israelische Theater mit einer „Tradition“ von erst sechzig Jahren nicht setzen. Achtzig Prozent der Aufführungen in Israel stammen von zeitgenössischen Autoren. „Wir müssen uns völlig neu erfinden“, sagt Yael Ronen.

Manchmal aber werden Klassiker brennend aktuell. Als die israelischen Siedler vor zwei Jahren den Gazastreifen räumen mussten, zeigte das Fernsehen orthodoxe Juden, die sagten, sie hätten die Wahl zwischen der Anordnung der israelischen Regierung und ihrer „von Gott auferlegten Verpflichtung“, das Land in den israelischen Siedlungen zu bestellen. „Damals gab es auch bei uns viele Antigones“, sagt Ronen.

„Antigone“, wieder heute und am 23. Dezember, jeweils 20 Uhr im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden.

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