Theater : Der steinerne Gast

Im Berliner "Wallenstein" kam zwei Schauspielern das Vergnügen zu, öffentlich den eigenen Chef abzumurksen: Regisseur Peter Stein war für Klaus Maria Brandauer eingesprungen.

Jens Mühling

O blutige, entsetzensvolle Tat! O erbarmungswürdiger Anblick! Gemeuchelt ward der Regisseur, lang ausgestreckt liegt er in seinem Blute, das rot den Bühnenboden tränkt! Wohl kennen wir die Namen seiner Mörder, die schwarz auf weiß uns das Programmheft nennt: Rothmann und Werner warn’s, die feigen Mimen, die hinterrücks den eignen Regisseur erdolchten!

Kurz ist der Auftritt dieser beiden Herren im „Wallenstein“ – doch ihnen kam an diesem verwickelten Theaterwochenende das Vergnügen zu, öffentlich den eigenen Chef abzumurksen. Sicher ein viel gehegter Schauspielertraum. Als hätte Peter Stein es nicht schon schwer genug gehabt. Kurzfristig hatte sich der Regisseur bereit erklärt, für Klaus Maria Brandauer (dem beim letzten Auftritt eine Theaterwand den großen Zeh zerquetschte) die Hauptrolle in der eigenen Inszenierung zu übernehmen. Am Samstag fielen ihm dann auch noch zwei Flüge aus: Als Stein endlich in der Luft war, lief in Berlin schon der erste Akt, in dem der Titelheld zum Glück nicht auftritt. Rechtzeitig zum zweiten Akt traf Stein dann ein – und schleppte sich an diesem und am Folgetag während zweier zehnstündiger Aufführungen mit einer schwarzen A4-Kladde über die Bühne: Mehr lesend als spielend gab er den Held, trotz langem schwarzen Wallenstein-Mantel. Zwar stieß dieses Verfahren bisweilen an seine Grenzen – unvergesslich etwa, wie Stein die Bühnentochter Thekla bekniet und die Kladde dabei kurzerhand auf ihrem Bauch drapiert –, doch wer dabei war, will diesen deklamierenden Berserker um keine Brandauers der Welt versäumt haben.

Während der Flugzeug-Zitterpartie hatte BE-Intendant Claus Peymann noch gescherzt, wenn Stein nicht bald auftauche, müsse er selbst „auch noch auf die Matte“. Nun ist Peymann, ganz im Gegensatz zu Stein, zwar nicht als hervorragender Vorleser bekannt – aber gesehen hätte man das trotzdem gern: Peymann spielt Stein spielt Brandauer spielt Wallenstein. So aber bekam man immerhin einen Peter Stein zu sehen, der vor der Brust eine Kladde trug – und huckepack einen unsichtbaren, aber äußerst präsenten Klaus Maria Brandauer. Viel von dem, was der Regisseur dem Schauspieler gegeben habe, werde dem Regisseur nun vom Schauspieler zurückgegeben, formulierte Claus Peymann am zweiten Tag. Er hätte es auch mit Wallenstein sagen können: So schmal ist / Die Grenze, die zwei Lebenspfade scheidet. Genau: Denn sind wir nicht alle ein bisschen Brandauer? Und wallt nicht gar in uns allen ein Stein?

Bei den letzten fünf Vorstellungen (22., 23. 9. sowie 4., 6., 7. 10.) soll Klaus Maria Brandauer wieder auf der Bühne stehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar