Kultur : Theater der Tiere

Hamburg II: Bühnenrevival der Sechzigerjahre mit Albee und Handke

Katrin Ullmann

Wild waren die Sechziger. Da wurde die Liebe neu erfunden, die Revolte und das Theater. Alle Kunst war Performance, der Geschlechterkampf tobte und John Lennon machte tolle Musik. In Hamburgs Theatern werden diese Jahre gerade reanimiert. Mit zwei sehr unterschiedlichen Stücken zweier höchst unterschiedlicher Autoren – Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ und „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke.

Ehekrieg auf höchstem Niveau: Wilfried Minks hat Albees Klassiker im St. Pauli Theater in der scharfen Übersetzung von Alissa und Martin Walser auf seine selbst entworfene Wohnzimmer-Bühne gebracht. Dort liefern sich Hannelore Hoger und Gerd Böckmann ein eheliches Schauturnier. Harmlos ist bekanntlich nur der Anfang. Denn die versoffene Stimmung des gerade von einer Party heimgekehrten Paares wirkt, trotz kleiner Ausfälligkeiten, sehr vertraut. Laut giert Martha nach Bourbon, den George ihr mal strafend, mal hinreißend scharwenzelnd zubereitet. Nebenbei werfen sie sich wohlsortiert die ein oder andere Gemeinheit ins Gesicht.

Dann kommt Besuch: Ein junges Paar, aufgegabelt auf vorangegangener Party. Nick (Marcus Bluhm) und seine Süße (Theresa Hübchen). Jetzt geht der Seelenstrip erst richtig los – und Gerd Böckmann und Hannelore Hoger sind zwei großartige, gewissenlose Gegenspieler. Binnen Sekunden wechseln sie ihre Haltung, noch schneller ihre Absicht. Hannelore Hoger ist fantastisch. Ob versoffen, hysterisch, empfindsam oder berechnend; ob Mädchen oder Grande Dame: Erschreckend authentisch gelingt Hoger der Spagat zwischen Marthas Zynismus und ihrer Empfindsamkeit.

Überlegen spielt Gerd Böckmann George, den gescheiterten Geschichtsprofessor, mimt ihn stolz, charmant und drohend freundlich. Und als George Martha am Ende ganz langsam auflaufen lässt, dirigiert Böckmann so siegesgewiss wie trocken die Dramaturgie des Eklats.

Zweifellos zeigt Wilfried Minks mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ Schauspielertheater auf hohem Niveau, zeigt einen fiesen Seelenstrip und einen hartnäckigen Geschlechterkampf. Was allerdings verborgen bleibt, ist seine eigene Intention. Und so erweist sich der Abend leider als höchst kunstvoll beatmeter, aber letztlich belangloser Evergreen. Auch das Deutsche Theater Berlin bekommt diesen Donnerstag seine „Virginia Woolf“: Jürgen Gosch inszeniert, mit Corinna Harfouch und Ulrich Matthes, dem Goebbels-Ehepaar im „Untergang“.

Im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses nähert sich Sebastian Hartmann der legendären „Publikumsbeschimpfung“ von 1966. Handke verzichtet in seinem ersten Sprechstück auf Handlung und Figuren und thematisiert den theatralen Moment selbst. Er versucht, dem Publikum jede Illusion zu rauben und das Theater in die absolute Bedeutungslosigkeit aufzulösen. Dieses Unterfangen führt er allerdings selbst ad absurdum. Denn: „Auch was vorgab, nichts auszusagen, sagte aus, weil etwas, das auf dem Theater vor sich geht, etwas aussagt.“ Sebastian Hartmann blendet zu Anfang eine Filmaufzeichnung der Uraufführung ein (Regie damals: Claus Peymann) und macht er sich geschickt frei von jener stürmischen Anti-Haltung, die in den Sechzigern noch bestens funktionierte.

Hartmanns Darsteller (Felix Goeser, Guido Lambrecht, Thomas Lawinky und Peter René Lüdicke) sind eingesperrt in ein riesiges Tiergehege. Sie haben Sehnsucht nach dem Publikum, dem sie durch unüberwindbare Gitterstäbe die Hände entgegenstrecken. Später schiebt Felix Goeser als französischer Conferencier das Gitter beiseite und somit auch die vierte Wand. Peter René Lüdicke trägt eine Echtzeituhr herein, Guido Lambrecht verunglückt mit dem Kopf an der Wand, und Thomas Lawinky bringt ein Päckchen Tempo-Tücher zum Einsatz. Die Schauspieler erzählen was – Komisches und Belangloses über Handke und andere Berühmtheiten.

Spielerischen Unsinn setzt Hartmann gegen den programmatischen Text. Das gelingt ihm auch zwei Echtzeitstunden lang recht gut. Danach kippt der wilde Spaß ins doof Didaktische. Laut geschimpft wird am Ende auch. Doch das versinkt in schweren Nebelschwaden. So ist der Abend nur beinah gut, und das Sixties-Revival in Hamburg halb so wild.

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