„Theater heute“ wählt Bühne des Jahres : Maxim Gorki über alles

Kein Zweifel: Shermin Langhoff und Jens Hillje haben mit dem Berliner Maxim-Gorki-Theater bereits in ihrem ersten Jahr das hippste, frischeste und spannendste Stadttheater aus der Taufe gehoben.

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Das Berliner Maxim-Gorki-Theater.
Ein Newcomer, der trotzdem keine Überraschung ist: Das Berliner Maxim-Gorki-Theater ist "Theater des Jahres".Foto: dpa

Den einen gilt sie als ultimatives Trendbarometer. Die anderen halten sie für maßlos überschätzt. Meist diejenigen, die es nicht auf einen Siegerplatz geschafft haben. Fakt ist: Die alljährliche Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ sorgt für Gesprächsstoff. Für das soeben erschienene Jahrbuch des Fachblatts (Reale Utopien, Der Theaterverlag Friedrich, Berlin, 200 S., 29,50 €) haben 44 Experten des deutschsprachigen Raums einmal mehr ihre Höhepunkte der Saison in verschiedenen Kategorien benannt.

Zum Theater des Jahres wählten sie einen Newcomer, der trotzdem keine Überraschung ist: das Berliner Maxim-Gorki-Theater unter der neuen Leitung von Shermin Langhoff und Jens Hillje. Es gab ja schon einen gewaltigen Klagechor, als das postmigrantische Pionierhaus nicht fürs diesjährige Theatertreffen nominiert wurde. Dem musste man sich nicht unbedingt anschließen. Aber ohne Zweifel haben Langhoff und Hillje bereits in ihrem ersten Jahr das hippste, frischeste und spannendste Stadttheater aus der Taufe gehoben. Weswegen sie auch mit starker Mehrheit den Vorjahressieger – Johan Simons’ Münchner Kammerspiele – auf Platz zwei verweisen konnten. 15 der 44 Kritiker sprachen sich fürs Gorki aus. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass in der Umfrage die einfache Mehrheit für den Sieg reicht. Also mitunter schon vier oder fünf Stimmen.

Das Gorki hat neue Gesichter auf die Bühne gebracht

Vor allem hat das Gorki neue Gesichter auf die Bühne gebracht. Weswegen auch die Wahl seiner 20 Schauspielerinnen und Schauspieler zum Ensemble des Jahres erfreut (im Jahrbuch mit einer etwas verunglückten Fotostrecke gewürdigt). Angesichts der tollen Teamleistung macht es auch nichts, dass sich bei den Solo-Voten andere durchsetzten. Schauspielerin des Jahres wurde hochverdient Bibiana Beglau (Residenztheater München). Ihre Performance in Frank Castorfs Münchner Céline-Inszenierung „Reise in die Nacht“ bekam zehn Stimmen.

Auch das Setting dieses fiebrigen Trips ins Herz der Finsternis überzeugte die Kritiker. Sie wählten Aleksandar Denic zum Bühnenbildner des Jahres: den Mann, der für Castorfs Bayreuther „Ring“ schon den Alex nebst Dönerbude nachgebaut hat. Über den Titel Schauspieler des Jahres darf sich Ex-Gorki-Star Peter Kurth freuen, heute bei Armin Petras in Stuttgart beschäftigt. Sein Auftritt als mürrischer Onkel Wanja im klapprigen Volvo in Robert Borgmanns Tschechow-Inszenierung überzeugte eine knappe Mehrheit.

Karin Henkel liefert die Inszenierung des Jahres

Die Inszenierung des Jahres stammt von Karin Henkel. Womit man endgültig im Bereich des „Hätte-auch-anders-ausgehen-Können“ gelandet ist. Ihr Zürcher Kleist-Lustspiel „Amphitryon und sein Doppelgänger“ – wie „Reise in die Nacht“ und „Onkel Wanja“ zum Theatertreffen 2014 eingeladen – setzte sich mit fünf Stimmen gegen Alain Platels „Tauberbach“ durch. So oder so nicht zwingend. Bei der Wahl zum Stück des Jahres gab’s zwar ebenfalls keinen Kantersieg, dafür eine erfreuliche Auszeichnung, die abermals das Gorki strahlen lässt: Sibylle Bergs urkomischer Lifestyle-Amok-Text „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ setzte sich gegen ein dichtes Konkurrentenfeld durch. Das ausländische Stück des Jahres stammt vom Briten Martin Crimp („Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino“), den Titel „Nachwuchsdramatiker des Jahres“ teilen sich Wolfram Höll („und dann“) und Ferdinand Schmalz („am beispiel der butter“).

Ach ja: Traditionell wird auch ein Ärgernis des Jahres benannt. 15 Kritiker halten das „undurchsichtige Finanzgebaren am Wiener Burgtheater“ für den Tiefpunkt der Saison. Was man von Berlin aus sehr entspannt verfolgen kann. Hier hat das Gorki mit dem schmalsten Budget unter den großen Schauspielhäusern gezeigt, dass Kunst auch vor Kohle kommen kann.


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