Theater im Netz : Irgendwas mit Internet

Das Theater soll online gehen, sagt Kulturstaatssekretär Tim Renner. Fragt sich nur, was abgefilmte Inszenierungen bringen. Dabei gibt es Inszenierungen, die so nur in der Online-Welt möglich sind.

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Welt als Bühne. Die Crowdfunding-Werbung für Cristin Königs trashig verspielte TheaterNetz-Soap „Klinik im Zentrum“.
Welt als Bühne. Die Crowdfunding-Werbung für Cristin Königs trashig verspielte TheaterNetz-Soap „Klinik im Zentrum“.Screenshots: www.startnext.com/klinik-im-zentrum

Neulich war es wieder so weit. Bei einer der unzähligen Debatten, in denen Internet-Erklärer und Bewohner der alten, analogen Welt einander erzählen, wie sie sich die digitale Zukunft vorstellen, war diesmal das Theater dran. Die Heinrich-Böll- Stiftung machte den Vorschlag des Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner, die Theater sollten ihre Inszenierungen ins Netz stellen, zum Thema einer Podiumsdiskussion. Renner begründete seine vagen Überlegungen mit einer „Vision des Niedrigschwelligen“: Wer aus welchen Gründen auch immer nicht ins Theater geht, soll wenigstens am Monitor einen Eindruck vom Bühnengeschehen bekommen. Vielleicht animiert das ja zum Theaterbesuch. So weit die gut sozialdemokratische Ausgangsthese: Kultur für alle.

Naheliegende Urheberrechtsfragen wischte Renner locker beiseite. Lutz Hübner und Sönke Wortmann zum Beispiel hätten sich 2012 vermutlich bedankt, wenn ihnen das Grips-Theater vorgeschlagen hätte, Wortmanns Grips-Inszenierung von Hübners Komödie „Frau Müller muss weg“ gratis zu streamen. Weshalb hätte der Regisseur seiner eigenen Verfilmung des Stücks, die seit 15. Januar in den Kinos läuft, Konkurrenz machen sollen? Und weshalb sollten Dramatiker die Rechte an ihren Stücken verschenken?

Dass die Wirklichkeit etwas komplizierter ist als in Tim Renners Popularisierungsvisionen, weiß jeder, der schon einmal versucht hat, bei einer Theaterübertragung im Fernsehen wach zu bleiben. Der ZDF-Theaterkanal hat seine Tätigkeit bestimmt nicht wegen überschäumenden Zuschauerinteresses vor vier Jahren eingestellt. Und das, obwohl er, im Gegensatz zu den selbstgebastelten Aufzeichnungen der Bühnen, aufwendig produzierte, von mehreren Kameras nach diversen Probedurchläufen gefilmte Inszenierungen zeigen konnte: ein Aufwand, der die Möglichkeiten jedes Theaters übersteigt.

Die animierende Wirkung semiprofessionell abgefilmter Theateraufführungen auf YouTube dürfte sich außerdem in Grenzen halten. Als sich René Pollesch ein solches Internet-Theatervideo eines befreundeten Regisseurs ansah, war seine Reaktion eindeutig. „Ich dachte, hoffentlich sieht das niemand. Wenn die Leute denken, das sei Theater, haben sie wirklich keinen Grund mehr, ins Theater zu gehen“, sagt Pollesch. Und Frank Castorf, dem Video im Theater durchaus zugetan, gibt auf die Frage, wie er es fände, wenn seine sechsstündigen Dostojewski-Inszenierungen über den kleinen Monitor eines Smartphone wackeln, eine einsilbige, gewohnt spöttische Antwort: „Super.“

Je avancierter eine Inszenierung als Theater-Kunstwerk ist, desto weniger dürfte sie sich für die mechanische Übertragung ins andere Medium eignen. Freunde des Theaterstreamings verweisen gerne auf die Erfolgsgeschichte der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker. Die Abonnenten können Philharmoniker-Konzerte live in HD-Qualität verfolgen und ein stetig wachsendes Konzertarchiv nutzen. Nebenbei machen sich die Philharmoniker unabhängiger von der Musikindustrie und den Fernsehsendern.

Seit der Karajan-Ära ist das Orchester ein Medienstar, schon deshalb lässt sich der Erfolg der Digital Concert Hall nicht umstandslos mit einer YouTube-Übertragung des „Kirschgartens“ aus dem Berliner Maxim Gorki Theater vergleichen. Die Philharmoniker sind eine Weltmarke und vermutlich das berühmteste Orchester des Planeten. Die Digital Concert Hall ist auch ein Instrument der Markenpflege, das es den Musikern erlaubt, mit Verehrern von Tokio bis Toronto in Kontakt zu bleiben. Ob es nach einem vergleichbaren kostenpflichtigen Angebot zum Beispiel im Fall des Deutschen Theaters weltweit eine rege Nachfrage gäbe, darf man bezweifeln.

Den Aufwand, Scharouns Philharmonie für die Digital Concert Hall mit eigens entwickelten Kameras zum Liveaufnahmestudio zu machen, hat ein Sponsor ermöglicht: Die Kosten dafür dürften im Millionenbereich liegen. Man kann Tim Renner nur viel Erfolg dabei wünschen, für das HAU oder die Volksbühne ähnlich großzügige Finanziers zu finden. Nicht jede mediale Verwertung und Internetnutzung ist für jeden Content-Anbieter sinnvoll oder auch nur möglich.

Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier dreht Tim Renners Vermutung, das Theater brauche unbedingt seine Fortsetzung im Internet, denn auch lieber um. Gerade weil wir dauernd vor Monitoren sitzen, ist das gemeinsame Liveerlebnis im Zuschauerraum etwa der Schaubühne besonders attraktiv. Deshalb ist Ostermeier „sogar dankbar für die digitale Entwicklung der letzten Jahre. Weil diese digitale Welt die Sehnsucht nach dreidimensional sinnlichen Erlebnissen steigert.“

Die Gier nach Face-to-Face-Kommunikation, nach Begegnungen mit echten Menschen und unverpixelten Gesichtern wird mit wachsender Mediennutzung größer und nicht kleiner werden. Dass Theater und Opern die digitale Neuvermessung der Welt bisher besser überstanden haben als zum Beispiel die Printmedien, liegt außer an den Subventionen auch daran, dass sie etwas Altmodisches und ziemlich Kostbares zu bieten haben: Aura. Und Aura ist, laut Walter Benjamin, nicht beliebig technisch reproduzierbar.

Welt als Bühne. Die Crowdfunding-Werbung für Cristin Königs trashig verspielte TheaterNetz-Soap „Klinik im Zentrum“.
Welt als Bühne. Die Crowdfunding-Werbung für Cristin Königs trashig verspielte TheaterNetz-Soap „Klinik im Zentrum“.Screenshots: www.startnext.com/klinik-im-zentrum

Wie das Liveerlebnis im Kontrast zu digitalen Angeboten an Attraktivität gewinnt, kann man seit einiger Zeit im Musikmarkt beobachten. Parallel zu den finanziellen Einbrüchen im Tonträgergeschäft sind die Umsätze mit Livekonzerten gestiegen, in Deutschland von 2,26 Milliarden Euro 2009 auf 2,7 Milliarden 2013. Dass sich Theater nicht ohne massive Verluste reproduzieren lässt, könnte sich also gerade als Stärke erweisen – zumindest wenn die Inhalte und Rahmenbedingungen von Finanzierung bis Vermittlung und Zugänglichkeit stimmen,

Offenbar sind die Bühnenhäuser im Umgang mit dem Internet jenseits schlichter Servicedienste und Marketing-Gimmicks, wie etwa kleinen PromoClips, noch in der Experimentierphase. Das liegt auch daran, dass das Theaterangebot an besseren Abenden das Gegenteil der Katzen- und Spaß-Videos auf YouTube darstellt. Im Theater kann sich der Zuschauer auf eine Geschichte, ein Geschehen einlassen, gemeinsam mit anderen und garantiert nicht unterbrochen vom reflexhaften Griff zum Smartphone.

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