Kultur : Theater in Berlin: Weise Worte

Johannes Völz

Goldfarb sitzt grimmig in der Ecke. Ein bedeutender Kantor ist er, ein Star der jüdischen Gemeindezentren. Wenn er singt, beginnen seine Zuhörer über den Stühlen zu schweben, so erhebend schwingt sein Timbre. Doch sein Aushilfs-Pianist Heidenreich bringt ihn zur Verzweiflung. An der Musik liegt das nicht. Heidenreich beherrscht das Repertoire und spielt überdies wunderbar einfühlsam. Doch seit gerade eben ist es raus: Dieser Pianist ist gar kein Jude. Mit so einem kann man nicht auftreten. Auch dann nicht, wenn er sich aus Empörung zu einer Moralpredigt aufschwingt, die klingt, als stamme sie von einem Rabbiner.

Das klingt wie die Bühnenfassung eines Streits, den die Akademiker seit Jahren ausfechten. Große Fragen also, die Peter-Adrian Cohen in seinem Stück "Verstehen Sie mich, Herr Goldfarb?" beleuchten will: Wer darf welche Kultur für sich beanspruchen? Sollen wir nicht alle Identitäten aufgeben? Welche multikulturelle Gesellschaft hätten wir denn gern? Den schweren Stoff in eine leichte Komödie zu packen, ist ein so interessantes wie riskantes Unterfangen.

Im Hackeschen Hoftheater ist der Versuch missglückt. Weil Cohen der Komödie nicht genug zutraut, lässt er den zwanghaften Heidenreich (Helmut Vogel) und den knurrigen Goldfarb (Mark Aizikovitch) alle Probleme einmal antippen, verkürzt sie dann aber auf einen Appell zur Toleranz. Und damit es in der Komödie auch etwas zu lachen gibt, entpuppt sich die freidenkerische Weltanschauung des Pianisten Heidenreich als Doppelmoral: In seinem Privatleben ist er ein kleiner Spießer, der nicht damit klarkommt, dass seine lesbische Tochter heiraten will. Das versöhnt wiederum den Kantor Goldfarb, der plötzlich doch mit Heidenreich auf die Bühne geht. Die Zwänge des Genres lassen hier ein ambitioniertes Vorhaben in schiefen Vergleichen enden. Nicht die Kulturen geraten hier durcheinander, sondern die Argumente.

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