Theater : Knatternde Miene zum bösen Spiel

Kein Innenleben, nirgends: Claus Peymann inszeniert am Berliner Ensemble nach zwanzig Jahren wieder "Richard III."

Andreas Schäfer

Man hat viel Zeit an diesem Theaterabend, um die Gedanken schweifen und in die Tiefen der Erinnerung tauchen zu lassen. In welchem Körperteil der Mächtigen wollte Claus Peymann, Intendant des Berliner Ensembles, noch einmal der Reißzahn sein? Im Hintern? In der Wade? Oder doch im Hals, also dort, wo die Halsschlagader pulsiert und die Untoten sich hin und wieder einen Schluck genehmigen? Während also im Hintergrund durch drei lange Stunden hindurch die Lichtstimmung in allen Farben sehr effektvoll wechselte und die Schauspieler sich unter Zuhilfenahme zahlreicher Schauspielergroßgesten durch eines der blutrünstigsten Dramen Shakespeares deklamierten, musste man nicht an einen Reißzahn denken, sondern sah vor seinem inneren Augen immer wieder ein Kinder-Vampir-Gebiss leer vor sich hinschnappen. Schnapp, schnapp.

Claus Peymann inszeniert „Richard III.“, der unter Shakespeares Herrschern zwar besonders faszinierend, aber besonders langweilig ist. Shakespeare hat ihm zwar ein Motiv für sein kaltes Herz gegeben – er ist verkrüppelt, der ewige Außenseiter und brennt auf Genugtuung –, aber weder eine Leidenschaft, die über das Machtstreben hinausgeht, noch einen Gegner, der ihm ebenbürtig wäre.

Richard ist nicht nur skrupellos, menschenverachtend und machtbesessen, sondern auch charmant, intelligent und rhetorisch brillant, ein großartiger Verführer und Manipulierer, dem die Welt eine Art Spielfeld ist, auf dem er immer wieder nur eines demonstriert: seine Allmacht. Könige, Brüder, Generäle, Neffen, und schließlich seine Ehefrau, alle werden auf seinem Weg zur Krone gemeuchelt, ohne Zögern und mit widerstandsloser Leichtigkeit, als handle es sich um Schachfiguren, die Richard eine nach der anderen vom Brett kickt.

Es ist aber nicht so, dass die Konfrontationen Schritt für Schritt Richards Innenleben freilegen würde. Nach Innenleben sucht man in dem Stück vergeblich. Als letzter Teil der sogenannten Lancaster-Tetralogie über das Ende der Rosenkriege ist es weder Fisch noch Fleisch. Kein Historiendrama mehr und noch keine Tragödie eines vielschichtigen Charakters, sondern die Beweisführung einer durchsichtigen, schaurig instrumentellen Vernunft, deren Monotonie durch Shakespeares explosive Dialoge wettgemacht wird. Wer also „König Richard III.“ inszeniert oder spielt, muss das Geheimnisvolle von Außen in die Figur hineinstülpen oder es, was praktischer ist, schon in sich tragen.

Wie Gert Voss, der ’87 unter dem Regisseur Claus Peymann Richard am Wiener Burgtheater als Spieler mit dämonischer Eleganz gab, über den „Die Zeit“ damals schrieb: „Einer, der sich scheinbar nie vollständig verausgabt, nie vollkommen preisgibt; der immer genauso viel verbirgt, wie er verrät.“ Das ehemalige Dreamteam Peymann-Voss ist freilich seit längerem nur noch in schwelender Feindschaft miteinander verbunden; von der alten Truppe ist im Jahr 2008 einzig der Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann übrig geblieben, der eine asymmetrische, leicht abschüssige, gelb bemalte, durch vier Schiebewände unterteilbare Ebene ins Berliner Ensemble hat montieren lassen. Rechts ein großer Kühlschrank, weiter hinten ein verlorener Sesselthron. Das Besondere an diesen Wänden: Sie sind aus Glas, also transparent. Hier ist alles sichtbar! Das sagt nicht nur das Bühnenbild, das trompetet der ganze Abend in die zunehmend stickige Luft. Von Geheimnis keine Spur.

Peymanns heutiger Richard heißt Ernst Stötzner, der in den letzten Jahren zusammen mit dem Regisseur Jürgen Gosch eine Schauspielkunst der Enthemmung und körperlichen Präsenz entwickelt hat, die mit seinen gezügelt durchgeistigten Anfängen an der Schaubühne nicht mehr viel zu tun hat. Für seinen Puck in Goschs „Sommernachtstraum“ ist er im letzten Jahr mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring ausgezeichnet worden, und irgendwie als Puck – also ziemlich koboldig – legt er auch seinen Richard an, während Peymann das Stück offensichtlich als Komödie missverstanden hat.

Bei Peymann ist Shakespeares London keine Zentrale der kalten Macht, sondern liegt hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, also im Märchenland, wo die Schauspieler „Theater machen“, wie es Veit Schubert als Buckingham an zentraler Stelle zu Richard vor einer Intrige sagt: „Ich mach einfach Knattermienen nach.“ Dazu kneift er die Augen zusammen, vollführt tolle Handbewegungen – wie die anderen die ganze Zeit. Peymann erzählt kein Drama, sondern kichert über Richards Verstellungen. An Richards Winkelzügen interessiert ihn nicht das Hinterhältige oder Abgründige, sondern nur die kindliche Freude an der Verkleidung, am Rollenwechsel, der selbstgenügsame Spaß an der Grimasse.

Ernst Stötzner montiert Richard mehr auseinander, als dass er eine geschlossene Figur bilden würde. Hinkend und mit einem lächerlichen Buckel ausgestattet, trennt er einen Ausdruck fein säuberlich vom anderen, schaut grollend in den Himmel, nähert sich schmeichelnd seiner späteren Frau Anna (Charlotte Müller), weint Krokodilstränen, schwelgt in Wut, Überheblichkeit und falscher Freundschaft – und kann die virtuosen Aspekte doch nicht in einem untergründigen Feuer, in einer schlüssigen Motivation bündeln. In den entscheidenden Momenten wird er nicht innerlich, sondern zwinkert durch Gesten oder pointengetrimmte Betonungen ins Publikum.

Jürgen Holtz, der als Georg zitternd vor Angst auf seine Ermordung wartet, Nicole Heesters, die als Königin Margret mit heiligem Zorn und seherischer Weitsicht der versammelten Macht Richards Taten prophezeit: Es bleiben kurze, schnell verglühenden Momente eines Abends, an dem nicht Richard, sondern Claus Peymann der Drachen ist. Ein Drachen der routinierten, alle Spannung pulverisierenden, wohltemperierten und seichten Ironie.

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