Theater : Mehr Demokratie klagen

Die Braunschweiger „Theaterformen“ eröffnen mit einer Massenperformance der „Perser“-Tragödie.

Christine Wahl

Braunschweig"Sei Perser!" Man kann sich darüber streiten, ob dieses Angebot, das die Regisseurin Claudia Bosse vor einigen Monaten den Braunschweiger Bürgern unterbreitete, tatsächlich erstrebenswert ist. Unter rein ergebnisorientierten Gesichtspunkten handelt es sich bei den Persern ja um eine handfeste Verlierermannschaft. Aus der ersten vollständig überlieferten Tragödie der Weltliteratur – "Die Perser" des Aischylos – kennen wir praktisch jeden einzelnen Schiffsschnabelstoß, der zum Untergang der persischen Flotte in der Seeschlacht gegen die Griechen anno 480 v. Chr. bei Salamis führte.

Dennoch sind Bosses Aufruf für die Eröffnungsinszenierung des Festivals "Theaterformen" an die 350 Bürger gefolgt, sie stehen nun als Choristen auf der requisitenfreien Bühne des Staatstheaters. Allein diese Tatsache dürfte Stefan Schmidtke, unter dessen Leitung die "Theaterformen" nach dreijähriger Pause letzten Sommer in Hannover reanimiert wurden, beglücken. Das Festival, das nun jährlich alternierend in Hannover und Braunschweig stattfindet, steht in diesem Jahr unter dem Motto "Demokratie".

Zu den elf renommierten internationalen Gast-Ensembles gehört zum Beispiel die Toneelgroep Amsterdam, die hier ihre Vergegenwärtigung der "Römischen Tragödien" nach Shakespeare zeigen wird. Und am Vorabend der offiziellen Eröffnung konnten sich die Braunschweiger schon mal sehr basisdemokratisch fühlen, als sie – unter dem Motto "La Baraque – Cantine musicale“ an langen Tischreihen bei Suppe und Getränken über das dazu dargebotene Theater der Milos-Forman-Söhne Petr, Matej und Milan fachsimpeln durften.

Die "Perser" gehen also noch den entscheidenden demokratischen Schritt weiter, wenn sie ausgewählte Braunschweiger und Braunschweigerinnen auf die Bühne stellen. Mitten unter ihnen – ebenfalls stehend, aber zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen: die Zuschauer; in den gleichen Anzügen, gewagt gemusterten Sommerkleidern oder alternativ-studentischen Schlabber-Shirts wie die Akteure. Sobald es mit dem Klagegesang losgeht, muss sich das Publikum auch ständig zu den Hundertschaften verhalten, die jetzt permanent in bedrohlichen Formationen von einer Bühnenecke in die andere marschieren.

Die Fluchtmöglichkeiten sind begrenzt. Claudia Bosse hat ihr Aischylos-Setting an allen vier Fronten sicher verschlossen. Auch der eiserne Vorhang zum Zuschauerraum ist unten. „Massenchoreografie" oder – in angesagten Performance-Termini – "soziale Plastik" heißen derartige Bühnenwanderungen im Fachjargon. Und da die 39-jährige Regisseurin ihnen den ganzen Abend unterwirft, ist hier also weniger ein Fall von Theaterkunst als vielmehr ein Wille zur gelebten Basisdemokratie zu vermelden. Bosse appelliert an die griechische Tragödie als Urmodell der politischen Entscheidungsfindung, bei der der Chor den Standpunkt der Polis-Gemeinschaft vertrat. Man muss sich die Aufführung als eine Art ritualisierten Polit-Crashkurs vorstellen, den die großkoalitionäre Bundesregierung mal buchen sollte.

Für Nicht-Regierungsmitglieder hingegen bietet der Abend eher begrenzte Einsichten. Einmal prallt ein cholerisch veranlagter Choreut im Rückwärtsgang mit einer Zuschauerin zusammen, der es offenbar sinnvoll erschienen war, die Kollektivchoreografie um eine sitzende Position zu bereichern. Der Mann fällt aus der Rolle, beschimpft die irritierte Dame und muss von Kollegen zur Räson gebracht werden: Okay, denkt man; auch eine Einübung in die hohe Schule der Demokratie! Andere Zuschauer machen von ihrem bewegungstechnischen Mitbestimmungsrecht Gebrauch, indem sie versuchen, für aufmunternde Unterarmstreicheleinheiten immer wieder in die Nähe ihrer Choreuten-Gattinnen zu kommen; wieder andere begnügen sich damit, die Angehörigen aus jedem erdenklichen Winkel zu fotografieren; und wer keine Bekannten oder Verwandten im Chor hat, hockt sich manchmal schon in der ersten Viertelstunde in irgendeine Ecke und verweigert fortan jegliche Entscheidungsflexibilität. Das sind sicher die Protestwähler!

Und weiter? Genau das ist das Problem von Claudia Bosses Inszenierung. Obwohl man ihrem Chorkonzept keine Plausibilitätsmängel vorwerfen kann, handelt es sich doch um einen sehr einseitigen Zugang, der – wenn man aus Berlin angereist ist – schnell Sehnsüchte nach Dimiter Gotscheffs grandioser "Perser"-Inszenierung am Deutschen Theater weckt. Wie Gotscheff wählt Bosse die an Sperrigkeit nichts zu wünschen übrig lassende deutsche Fassung von Heiner Müller nach Peter Witzmanns Interlinearübersetzung und hält ihre Akteure müllergemäß an, den Text "nicht satzweise, sondern Wort für Wort" zu erschließen. Aber wo Gotscheff und seine Schauspieler sämtliche Schleusen zur Hirnstrombeschleunigung im Parkett durch höchste darstellerische Differenzierung öffnen, führt bei Bosse der Wille zum Anti-Illusionistischen lediglich zu einer roboterhaft monotonen Sprechweise; auch wenn die Hauptpartien des Dramas bei professionellen Schauspielern liegen.

Weiter kann man die Distanz zwischen Publikum und Bühne nicht aufheben. Insofern wiederum darf Schmidtke den Abend als gelungenen Festivalauftakt verbuchen. So viel Demokratie auf der Bühne war selten.

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