Kultur : Theater: Menschen im Bordell

Peter Laudenbach

Wenn sich schwitzende Schauspieler auf dem Boden wälzen, wenn eine hysterische Frau pausenlos "Ficksau, du miese Ficksau" brüllt und ein nicht mehr ganz junger Mann mit unübersehbarem Bauchansatz im knappen Top jenseits aller Peinlichkeitsgrenzen Britney Spears imitiert, wissen wir, dass die Volksbühne die Sommerpause gut überstanden hat. Die Krawall-Helden sind wieder da, lauter, verstörender und wunderbarer, als wir sie in Erinnerung hatten. Nach dem schleppenden Spielzeitbeginn an den anderen Bühnen wirkte die erste Volksbühnen-Premiere wie ein schöner Schocker. Castorfs Bodentruppen sind ganz offenbar nicht zum Waffenstillstand mit den herrschenden Verhältnissen bereit.

René Pollesch eröffnet den Prater mit einer seiner extrem beschleunigten Sprech-Opern, in denen Vokabeln wie "Bürgerliches Subjekt", "Marketing-Mafia", "Heroin-Oper" oder "Du Nutte der Ökonomie" in verwirrendem Tempo auf den Zuschauer einprasseln. Sein neues Projekt ist der Versuch, ein Sachbuch über die Transformationsprozesse großer Städte zu inszenieren: "Stadt als Beute" - öffentlicher Raum als Terrain des Dienstleistungskapitalismus.

René Pollesch wird die mit dieser Inszenierung begonnene Versuchsreihe zum neuen Kapitalismus während der gesamten Spielzeit im Prater fortsetzen. Bert Neumanns Einheitsbühnenbild, eine Zimmerflucht, die an Heiner Müllers berühmte Plattenbau-Beschreibung von den "Fickzellen mit Fernheizung" erinnert, wird den Rahmen dieser Erkundung urbaner Räume abgeben. Hier wird der Intimbereich mit dem Zwang zur Selbstvermarktung kurzgeschlossen. Weil auch die Zuschauer Opfer der neuen Ökonomie sind, sitzen sie auf hässlichen Bürostühlen zwischen den Bühnen, die das Publikum auf drei Seiten umschließen. Bert Neumann hat eine schäbig provisorische Zimmerflucht gebaut, im Kinderzimmer hängt als Zitat aus anderen Zeiten ein Che-Guevara-Plakat, einer der Räume ist verspiegelt wie eine Vorstadtdisco oder das Studio für den Dreh eines billigen Pornofilms, und die vier Schauspieler gammeln auf einer erlesen hässlichen Couch-Garnitur vor einer Fototapete mit der Skyline von New York im Abendlicht. Am anderen Ende der Zimmerflucht klebt ein Bin-Laden-Fahndungsplakat.

Auf der Waschmaschine klebt eine US-Flagge, an einer Wand hängt das Photo eines afghanischen Flüchtlingslagers. Fast wirkt es, als seien die Bilder des Terrors schon Teil der Popkultur geworden. Aber dass die westliche Zivilisation, die jetzt verteidigt werden muss, eine besonders menschenfreundliche Angelegenheit ist, wird von Polleschs Inszenierung nicht unbedingt behauptet. Eher führt der Abend die Hysteriker des neuen Marktes vor, die Verwirrten und Verstörten, die durch ihr Leben torkeln wie ein absturzgefährdete Start-Up-Unternehmen: Jeder für jeden eine Zielgruppe. Und weil hier alle soziale Interaktion nur noch Marktmechanismen gehorcht, wird jede Kommunikation zur Dienstleistung, jeder Hautkontakt zum Geschäft und jede Wohnung zum Office.

Zwischen den Angestellten, die sich auf dem flexiblen Arbeitsmarkt verkaufen müssen und den Prostituierten, die sich auf einem anderen Markt verkaufen, kann die Inszenierung keinen entscheidenden Unterschied erkennen. Pollesch lässt seine Figuren immer wieder sagen, sie seien "unangemeldete Bordelle."

Die Insassen dieser radikalisierten Ökonomie sind ständig dabei, sich selbst auf dem Markt der Aufmerksamkeit, der Zuneigung und des Geldes zu bewähren: "Du, ich biete Dir den Standpunkt an, an dem du deine Subjektivität vermarkten kannst!" Kein Wunder, dass die vier Marktteilnehmer permanent kurz davor sind, durchzudrehen und klagen, dass ihr "Nervenkostüm von Versace" kaputt geht: Hysterie als einzig angemessene Reaktion auf den Weltmarkt.

Was dazu führt, dass Bernhard Schütz die tolle Astrid Meyerfeldt in die Waschmaschine stopft, die beiden Lustknaben (Fabian Hinrichs und Philipp Hochmair) ihr Bühnenleben am liebsten mit lautem Geschrei bestreiten und alle vier hin und wieder bei einer kleinen Orgie den Bürostress vergessen wollen. Eine Handlung gibt es nicht, schon allein weil keines dieser Opfer des Kapitalismus sich der Illusion hingibt, so etwas Altmodisches wie ein handlungsmächtiges Subjekt zu sein. Stattdessen besichtigen wir ein Setting, eine Installation, einen Zustand, der weder Entwicklung noch Ausbrüche zulässt - nur die beschleunigte Wiederholung und den hysterischen Leerlauf. Und wenn jemand in dieser schönen neuen Welt der Märkte schlechte Laune hat, legt sein interaktives "Smart-Haus" automatisch eine Platte von Richard Clayderman auf - "dann geht es wieder besser". Und zwar furios! Ende Oktober wird Pollesch, der Gewinner des diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreises, "Menschen in Scheiß-Hotels" besuchen.

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