Theater-Regisseur Pucher : "Ich denke jedesmal: Ich kann nichts"

Regie und Remix: Stefan Pucher über ältere Kollegen, Eitelkeiten, Selbstzweifel und Shakespeare.

Herr Pucher, ist Shakespeares Zauberer Prospero ein verkannter Regisseur?

Er hat auf jeden Fall dieselben Probleme, die ein Regisseur hat. Das Schlimmste ist: Wenn die Aufführung läuft, weiß er nicht mehr, was er machen soll. Er kämpft die ganze Zeit um Kontrolle, und dann sitzt er, wie bei einer Premiere, in der Kantine und muss das Spiel abgeben.

Warum haben Sie in Ihrem „Sturm“ an den Münchner Kammerspielen den Prospero mit Hildegard Schmahl besetzt?

Ich habe mir zuvor Verfilmungen vom „Sturm“ angesehen, die schönste, finde ich, stammt von Derek Jarman. Die von Fritz Kortner ist leider ganz schlimm, mit Martin Held als Prospero, da ist es eben ein Mann, alt, aber noch nicht greise. Und der geht unfassbar chauvinistisch mit seiner Tochter um. Das ging für mich nicht, von Anfang an so ein schlimmes Geschlechterverhältnis zu etablieren. Unter anderem deshalb war es mir wichtig, dass Hildegard Schmahl, die ja etwas Erhabenes ausstrahlt, das spielt.

Frau Schmahl schwärmt seit der Zusammenarbeit mit Ihnen von Marilyn Manson.

Wir haben über Kostüme nachgedacht, und bei Marilyn Manson geht es ja auch stark um Selbstinszenierung, um die Kontrolle über das eigene Bild. Das war eigentlich nur ein Stichwort, genau wie Andy Warhol. Aber ohne mein Zutun kam Hildegard Schmahl dann oft an: Kennst du schon diese DVD von Marilyn Manson? Theater hält ja auch jung.

Für Schauspielerinnen und Schauspieler eines gewissen Alters gibt es aber kaum noch große Rollen.

Das verstehe ich ja überhaupt nicht. Als ich mit Christoph Marthaler in Zürich war, hatten wir, ähnlich wie in München, ein fantastisches Ensemble, das per se ein Shakespeare-Ensemble war. In dem Sinne, dass Schauspieler aller Generationen vertreten waren. Gerade bei Shakespeare sind diese alten Stimmen so wichtig, die vielleicht verraucht klingen, die Leben suggerieren. Ein Schauspieler wie Peter Brombacher hat bei mir auf einmal wieder Hauptrollen gespielt. Solche Leute sind lebende Theatergeschichte. Was die erzählen, was die alles wissen, mit wem die gearbeitet haben – da braucht man keine Sekundärliteratur mehr.

Diese Schauspieler scheinen auch, anders als viele Kritiker, kein Problem mit Ihren Image als Popregisseur zu haben.

Shakespeare ist auch populär. Pop halt. Das ist so eine blöde Plakette. Ich habe in der Regel trotzdem mehr gelesen als die meisten Dramaturgen. Und in jedem zweiten Stück gibt’s doch heute Video oder Musik. Was wurde ich deswegen angefeindet am Anfang.

Pop ist doch längst geadelt. Bob Dylan bekommt den Pulitzer-Preis.

Pop hat für mich etwas mit dem größten gemeinsamen Nenner zu tun, und das ist Theater. Das müssen meine Eltern verstehen, das muss jeder verstehen. Den Text hörst du nur einmal von der Bühne, und ich lege extrem viel Wert darauf, dass man versteht, was gesagt wird. Dann kann man anfangen zu denken. Das wird ja oft übersehen, wie sorgsam ich mit Sprache umgehe. Ich arbeite fünf Wochen nur am Tisch, ich bin nur in den letzten zehn Tagen vor der Premiere auf der Originalbühne, das treibt meine Bühnenbildnerin Barbara Ehnes zur Verzweiflung.

Die alte Garde um Zadek, Peymann, Stein lästert über Ihre Generation– warum?

Keine Ahnung. Ich habe noch nie einen wohlwollenden Satz von einem von denen gehört. Außer von George Tabori, der kam damals zu mir und sagte, er hätte meinen Hamburger „Othello“ gesehen und fände ihn toll. Aber Tabori war über diesen albernen Ehrgeiz hinweg, den die anderen haben. Das sind oft ganz schön präpotente Jungs.

Peter Zadek hat vor ein paar Jahren mal angekündigt, er würde gerne mit Ihnen über Ihren Hamburger „Othello“ reden – den er überhaupt nicht mochte. Hat das Gespräch je stattgefunden?

Natürlich nicht, das ist doch so dahingesagt, ganz typisch. Man wird pauschal für dumm erklärt, für ungebildet oder oberflächlich. Aber die Mittel, die ein Peter Stein benutzt, die funktionieren für mich auch nicht mehr. Da wird eine Heiligkeit von Text gefeiert, ohne zu merken, dass man in die schlimmste pathetische Schmiere abrutscht. Seine Tschechow-Inszenierungen, wo sich irgendwelche Diven im hohen Ton spreizen, die sind für mich nicht weit weg von der Soap.

Theater ist nicht für die Ewigkeit.

Ja, anscheinend ändern sich Ästhetiken. Ich war zum Bespiel von Nicolas Stemanns „Ulrike Maria Stuart“ begeistert. Da erkenne ich viel von mir wieder. Ich mag auch die Arbeiten von Jan Bosse sehr. Obwohl wir ja vielfach mit denselben Schauspielern arbeiten, gibt es da überhaupt nicht solche blöden Eifersüchteleien. Das ist viel unverkrampfter. Ich habe ja auch schon lange die Idee, man müsste Theaterstücke remixen. Sagen wir, Jan Bosse inszeniert ein Stück, dann wird Premiere gefeiert, und anschließend gibt er mir das Ganze vier Wochen, und ich mache einen Remix daraus. Was in der Musik gang und gäbe ist.

Sie repräsentierten die tonangebende Regiegeneration, zusammen mit Leuten wie eben Stemann, Bosse, Kimmig, Nübling. Ist Ihnen bewusst, wie wichtig Sie für den gegenwärtigen Theaterbetrieb sind ?

Nein. Ich inszeniere Stücke, und dann blende ich mich da wieder aus. Ich gebe ungern Interviews, ich lese auch viele Sachen nicht, die über mich geschrieben werden. Ich weiß nicht, ob das Selbstschutz ist oder Faulheit. Ich denke an die nächste Arbeit, und weiter geht’s. Vielleicht wird es mal nötig, eine Auszeit zu nehmen und sich das Ganze von woanders anzugucken. Aber ein Bewusstsein für Bedeutung ist bei mir nicht da. Ich denke ja auch jedes Mal: Ich kann nichts.

Ohne Koketterie?

Man wird routinierter, klar, aber die Selbstzweifel sind bei mir schon stark ausgeprägt. Sicher, bei manchen Stücken spürt man, dass es etwas Besonderes geworden ist. Bei anderen eben nicht. Theater, da hat Peter Brook schon Recht, das sind die Leute, die zu dieser Zeit, an diesem Ort auf diesen Text treffen. Wobei es bei mir manchmal nicht nur am Ort liegt, sondern an der Jahreszeit. Ich inszeniere oft im Sommer besser.

Können Sie sich vorstellen, in zehn Jahren ein eigenes Haus zu haben und auf die untalentierten Jungen zu schimpfen?

Ich habe schon das Bedürfnis, ein eigenes Haus zu haben, aber keinen Ehrgeiz, Intendant zu werden. So viel Energie fließt ins Repräsentieren, dazu hätte ich keine Lust.

Was bedeutet Ihnen das Theatertreffen?

Ich wohne in Berlin, aber ich arbeite hier kaum, dann freue ich mich natürlich, wenn eine Inszenierung von mir hier gezeigt wird. Es ist eine Anerkennung, die einem zuteil wird, und ich denke, beim „Sturm“ auch zu Recht. Ich war auch schon mit Arbeiten zum Theatertreffen eingeladen, bei denen ich nicht wusste, warum die gezeigt werden.

Stimmt etwas mit Berlin nicht? Fehlt hier ein Haus wie die Münchner Kammerspiele?

Ich finde, dass Theater oft besser in Städten funktioniert, wo es wirklich ein Zentrum ist, ein echtes Stadttheater eben, so verschrien dieser Begriff sein mag. Ich hab’s an der Volksbühne probiert, das hat für mich nicht geklappt. Wobei das im Falle der letzten Inszenierung wirklich unglücklich war. Weil ich eine Woche vor Probenbeginn erfahren habe, dass ich die Rechte für das Stück nicht bekomme, das ich machen wollte und an dem ich drei Monate gearbeitet hatte, „Die Katze auf dem heißen Blechdach“. Das war ärgerlich, das hätte nicht so sein müssen. Momentan arbeite ich am Gorki Theater: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ein Performance-Projekt nach Fritz Lang.

Könnte das Gorki eine neue Berliner Theaterheimat werden?

Mal sehen. Es macht Spaß mit Armin Petras, und Jan Bosse ist ja auch an dem Haus. Außerdem habe ich genug große Theater, an denen ich arbeite. Vielleicht in Berlin also lieber ein kleineres Haus, wo man mehr mitbestimmen kann.

Das Gespräch führte Patrick Wildermann.

Stefan Pucher, Jahrgang ’65, gehört zu den Stammgästen des Theatertreffens. Er inszeniert in Hamburg, Zürich, München und Berlin und war 2005 Regisseur des Jahres.

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