Theater : Rückblenden

„Hallo Hotel Nachtportier!“ kommt an die Berliner Volksbühne - um eine Rolle und 40 Minuten dezimiert. Es räkeln sich die Schauspielerinnen auf einem drehbaren Tabledance-Podest.

Christine Wahl

Wenn die Zuschauer in Sesseln versinken, von nostalgischen Tischlämpchen angestrahlt, und eher Weingläser als Bierflaschen in den Händen halten, kann das zugehörige Produkt aus René Polleschs Theater-Factory kaum für Berlin gemacht sein. Tatsächlich verbirgt sich hinter „Hallo Hotel Nachtportier!“ ein Import, der vor drei Jahren bei den Theaterformen in Braunschweig uraufgeführt wurde, dann ans Wiener Burgtheater ging und jetzt – um eine Rolle und vierzig Minuten dezimiert – im Sternfoyer der kriselnden Volksbühne angekommen ist. Dort passt er auf den ersten Blick perfekt in den Wiederaufnahmereigen von „Berlin Alexanderplatz“ bis zu „Der Meister und Margarita“, der die Maßgeblichkeit des Hauses wieder herbeizaubern soll.

In „Hallo Hotel Nachtportier!“ hasten drei tolle Schauspielerinnen über Treppen oder räkeln sich auf einem drehbaren Tabledance-Podest. „Ich bin Charlotte Rampling“, macht Sophie Rois unmissverständlich klar und tremoliert – indem sie nebenbei Gena Rowlands’ Zuordnungsschwierigkeiten zwischen Ego, Schauspielerin und Rollenfigur aus John Cassavetes’ Film „Opening Night“ sampelt – auf gewohntem Spitzenniveau Polleschs Zentralthema aus sich heraus. Caroline Peters sorgt in der Mehrfachrolle als Nachtportier alias Fritz Eckhardt sowie als ehemaliger SS-Offizier für Potenzierung der Identitäts- und Repräsentationsproblematik. Brigitte Cuvelier steuert mit einem philosophischen Beitrag über die Umstände, unter denen schlechter Sex gut sein könnte, das Ihrige bei.

Wenn man Polleschs Bezugsquellen kennt, kann man „Hallo Hotel Nachtportier!“ ein intelligenteres Vergnügen abgewinnen als etwa den leichtgewichtigen „Diktatorengattinnen I“: Pollesch kreuzt Fritz Eckhardts Siebziger-Jahre-Fernsehserie „Hallo – Hotel Sacher ... Portier!“ mit dem italienischen Film „Der Nachtportier“ von 1974, in dem eine von Charlotte Rampling gespielte KZ-Überlebende in einem Wiener Hotelangestellten ihren ehemaligen Peiniger erkennt und mit ihm eine sadomasochistische Beziehung führt. Getränkt wird das Ganze in Theoremen vom „Ausnahmezustand“ und „Lager“ des Modephilosophen Giorgio Agamben, die 2004 frischer waren.

Die Halbwertzeit eines Pollesch-Abends, begreift man deutlicher denn je, ist kurz. Anders als Castorf, der seine Stilmittel müde recycelt, stellt Pollesch die Reanimation offensiv aus und liefert den eigenen Krisenkommentar mit. Unter diese Rubrik fällt nicht nur Rois’ Reverenz an den Ex-Volksbühnen-Chefdramaturgen: „Vielleicht hatte Carl Hegemann recht. Ich glaube, Solidarität ist Selbstmord hier.“ Von „Verdammt, ich hab ’ne Rückblende im Kopf“ bis zu „Sag mal, gab’s hier nicht mal andere Umgangsformen?“ lässt sich fast alles als Krisensubtext lesen. Nach der messerscharfen Diagnose sind wir gespannt auf die Therapie. Christine Wahl

Wieder am 13. 12. und 2. 1.

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