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Theater : Verhasst, vergöttert: Ein Abend über die Böhsen Onkelz

13.07.2011 16:16 Uhrvon
Rock me, baby. Danny Bruder und Tamer Yigit in „Onkelz“. Foto: Marquardt/drama-berlin.deBild vergrößern
Rock me, baby. Danny Bruder und Tamer Yigit in „Onkelz“. - Foto: Marquardt/drama-berlin.de

Weder szenisches Konzert noch Erzählung der Bandgeschichte. Tamer Yigit und Branka Prlic unterziehen die Böhsen Onkelz im HAU einer Revision.

„Gepriesen sei der Name dieser Band, betet zu Gott, dass Ihr uns kennt!“ Oder auch: „Wir feiern uns, solange es uns gibt, auch wenn nicht jeder Arsch uns liebt!“ Das sind so typische Songzeilen, in diesem Fall aus dem Lied „Verhasst, verdammt, vergöttert“ von 1992. Markige Männerlyrik zwischen Größenwahn, Selbstbeweihräucherung und Außenseiterpose, Grölmaterial für Zehntausenderhallen, in denen die bis zum Anschlag verzerrten Gitarren die Texte sowieso übertönen. Eines konnte man den Böhsen Onkelz nie vorwerfen: dass sie ihre Alben mit Tiefsinn überladen hätten.

Die Deutschrockband hat bis zu ihrer Auflösung 2005 konsequent Musik gemacht, die so klang wie eine Fahrt im Gebrauchtwagen mit Hotte und Berti zum Getränkemarkt in Duisburg-Marxloh.

Und hat damit Millionen von Platten verkauft. Es gab allerdings andere Verdachtsmomente, die etwas schwerer wogen: Zeit ihres Bestehens ist die Frankfurter Vierercombo den Ruf nicht losgeworden, ein rechter Verein zu sein. Weil die Böhsen Onkelz in den frühen 80ern „Türken raus“ gesungen haben, mit allerlei Deutschtümelei zündelten und es unter Kritikern und Musikerkollegen immer umstritten blieb, wie glaubwürdig ihre Distanzierung von der Frühphase sei.

„Onkelz“ haben die Theatermacher Tamer Yigit und Branka Prlic ihren Abend im Hebbel am Ufer genannt. Der will weder szenisches Konzert sein, noch erzählt er die Geschichte der umstrittenen Band nach. Obwohl die genug Stoff für Dramen aller Art liefern würde, zumal das Schicksal des heroin- und alkoholabhängigen Sängers Kevin Russell, der zuletzt in die Schlagzeilen geriet, weil er unter Drogeneinfluss bei Tempo 232 einen schweren Autounfall verursachte und Fahrerflucht beging. Tamer Yigit, Regisseur von so eindringlichen Abenden wie „Meine Melodie“ oder „Ein Warngedicht“, wählt einen anderen Ansatz. Auf der Bühne, die mit herabhängenden Mikrofonen, lose gruppierten Sofas und Gitarrenverstärkern Tonstudio-Atmosphäre beschwört, beginnt er mit seinem Sidekick Danny Bruder eine Art biografische Jamsession. Erinnert sich, wie er zum ersten Mal Neonazis gesehen hat, Anfang der 90er Jahre, als die Böhsen Onkelz einen Auftritt in Huxley’s Neuer Welt hatten und er als Demonstrant hinging. Skins prügelten sich dort mit Punks, die Punks schlugen sich untereinander, „und die Kanaken droschen auf jeden ein“.

Wie vergebens es ist, in postideologischen Zeiten und gerade in der Musikszene mit ihren austauschbaren, losgelösten Subkultur-Codes den Überblick zwischen Links und Rechts behalten zu wollen, auch davon handelt dieses Stück. Ist es politisch korrekter, statt zum OnkelzAuftritt zum Public-Enemy-Konzert zu gehen, wo mit Nation-of-Islam-Parolen die andere Art Rassismus befeuert wird? Ist es okay, Black-Metal-Bands zu hören, die krude Arier-Theorien verbreiten, aber kraftvolle Songs schreiben? Gibt es „Rechtsrock“ oder nur Punk und Metal mit rechten Texten? Und darf man sich als Mädchen mit sogenanntem Migrationshintergrund Springerstiefel und Bomberjacke anziehen und dazu Onkelz-Platten auflegen? Mit derlei Fragen und Anekdoten klinken sich Spieler wie Jeana Paraschiva, Talu Emre Tüntas oder Volkan T. in die Erzählung ein, die vor allem als ziemlich ergiebige, selbstironische Assoziationsfolie funktioniert.

Am Ende des Abends, der in Anwesenheit des Onkelz-Bassisten und zweiten Sängers Stephan Weidner stattfindet, ist man vielleicht nicht klüger, aber doch konfrontiert mit dem Gedanken, was es bedeutet, sich zu verändern ohne die Vergangenheit zu leugnen. Für das Abschiedskonzert der Böhsen Onkelz 2005 am Lausitzring hatte Tamer Yigit Tickets, ging aber nicht hin. Früher, so erzählt er es auf der Bühne, schlug er auf einen Jungen ein, weil der ein T-Shirt der verhassten Band trug. Viele Jahre später zog Yigit sich selber eins an. Und wurde aus dem Bioladen geworfen, in dem er immer einkaufen ging.

Wieder vom 29.6. bis 2.7., täglich 20 Uhr im HAU 2

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