Kultur : Theater will wichtig sein

ECKHARD FRANKE

Mit kaum einer anderen Frage gelangt man in dieser Zeit so unmittelbar in die problematische Mitte des Theaters wie mit der, die sich die Dramaturgische Gesellschaft auf ihrer diesjährigen Tagung vorgelegt hat: "Wie bringt man Realität ins Theater - und das Theater in die Realität?" Dies ist nicht weniger als die Gretchenfrage einer transitorischen Kunstform, die gar nichts ist, wenn sie nicht Abbild von Welt ist, von Erfahrung von - eben: Realität.Und mehr: auch Haltung, Stellungnahme, Reibung an dem, was anders gedacht und gehandelt werden könnte.Nur so hat das Publikum, nur so hat die Gesellschaft einen Anlaß, Aufmerksamkeit (und hohe Alimentierung) dem Theater zu spenden.

Nun produziert aber das Theater in seinem Selbstbezug und - wie es die Kölner Chefdramaturgin Ursula Rühle in ihrem einleitenden Referat beschrieb - unter dem Druck von Perfektion und Kunststreben immer häufiger Produkte von hermetischer Künstlichkeit, die "kaum noch Spuren zeigen" von der Auseinandersetzung des Künstlers mit sich selbst und seiner Umwelt.Der Befund ist verallgemeinernd - es gibt Ausnahmen, immer weniger -, aber er trifft eine Erfahrung, die dem Zuschauer längst geläufig ist: die fehlende Neugier vieler Bühnen und Theatermacher, die uns umgebende Realität zu spüren, aufzunehmen und zu reflektieren.

Was ist da geschehen im Theater der neunziger Jahre? Hilft der Hinweis weiter, daß ja auch in der Gesellschaft selbst ein Phänomen von Entpolitisierung, von Orientierungslosigkeit zu beobachten sei - an den Hochschulen, in den Betrieben, innerhalb der organisierten gesellschaftlichen Gruppen? Für Wilfried Schulz, Chefdramaturg am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg und ab der übernächsten Spielzeit selber in leitender Verantwortung (er wird Intendant am Staatstheater in Hannover), sind die politisch-ideologischen Defizite und der "mangelnde Diskurs zwischen Gesellschaftstheorie und Gesellschaftspraxis" ursächlich auch für "das gewisse Phänomen von Inhaltsleere im Theater".

Dennoch gibt es hier und da auch den plötzlichen Ausbruch von Theater aus der selbstgeschaffenen Isolation und der Inhaltsleere, das buhlende Hineinspielen in das sogenannte wirkliche, das echte Leben: da werden Aufführungen auf Abraumhalden im Ruhrgebiet angeboten, metaphorisch genutzt, um die grassierende Arbeitslosigkeit als Menschenabraumphänomen zu deuten, oder Aufführungen in Kläranlagen zur Hebung unseres Umweltbewußtseins oder in einer fiktiv-realen Bahnhofsmission.Von Auf- und Ausbrüchen dieser Art war übrigens auf der Tagung in Basel viel zu hören, als ginge es hier auch um gegenseitige Ermutigung.

Dennoch dürfe "bei aller Affinität, in die krude Realität hineinzugehen", so Wilfried Schulz, nicht vergessen werden: das Wesentliche sei noch immer die Herstellung von Kunst."Es hilft nichts, ein Stück aus der Realität herauszuschneiden" und auf die Bühne zu stellen, erst der Prozeß der künstlerischen Verarbeitung konstituiere Theater.So eng liegen die Dinge beieinander, und so weit liegen sie auseinander.

Nicht Kunst, nicht ein irgend abstrakter Begriff von Realität, sondern "konkrete Erfahrung", das ist das Schlüsselwort in den Ausführungen des britischen Theatermachers Jeremy Weller, der Laien auf die Bühne holt - seien es junge Straftäter, seien es geistig kranke Menschen, seien es Obdachlose und Gestrandete.Jeremy Weller arbeitet - nicht nur in seiner Heimat England, sondern als Gast auch schon an Theatern in München, Bonn und Berlin - mit gemischten Ensembles.Der Regisseur integriert die sorgfältig ausgewählten Laienspieler, die mit der Kraft des Authentischen verkörpern, wovon der Theaterabend handelt: Menschen, die Erfahrungen nicht simulieren müssen, weil sie sie besitzen und durch ihre eigene Biographie beglaubigen können.Für Weller liegt die große Chance, aber auch die Verpflichtung von Theaterarbeit darin, den Dialog mit der Wirklichkeit immer wieder zu suchen und zu führen: "Für mich ist Theater unleugbar eine moralische Arena", in der die Freiheit, die dem Theater gegeben sei, "einem höheren Zweck dienen sollte, nämlich der genauen Beobachtung dessen, was um uns herum geschieht, und daß wir dazu eine Haltung einnehmen.Wir müssen keine fertigen Lösungen offerieren, aber doch wenigstens Antworten versuchen und Dinge ausprobieren".

Was Jeremy Weller da den deutschen Tagungsteilnehmern ins Gewissen sprach, das hat auf ganz eigene Weise der Regisseur Volker Hesse in seinen zurückliegenden Jahren am Neumarkt-Theater in Zürich versucht.Das von ihm geleitete Haus spielt zwar durchaus auch konventionelle Theaterstücke, es erarbeitet sich aber auch eigene Projekte und Stücke, wann immer es in den Theaterverlagen keine Texte gibt zu jenen gesellschaftlichen Phänomen, mit denen sich die Theatermacher auseinandersetzen, an denen sie sich reiben wollen.Umfangreiche Recherchen des ganzen Ensembles, gemeinsame oder getrennte Erkundungen vor Ort, Dutzende von Informationsgesprächen bilden die Basis für die eigenen Projekte - etwa über Sekten und die gefährliche Macht von Psycho-Organisationen, über das Altern in dieser Gesellschaft oder über Berufs- und Zukunftsängste, über seelische Verarmung in den oberen Management-Etagen als Projektionsort für die Befindlichkeit einer ganzen Generation.

Nebenbei haben diese Projekte - von denen Volker Hesse auf der Tagung ausführlich berichtete - mittlerweile längst belegt, daß die Auseinandersetzung mit gegenwärtiger Realität mehr als bloß gut gemeint sein kann: gerade auch die künstlerische und ästhetische Außergewöhnlichkeit dieser Projekte haben den Arbeiten des kleinen Neumarkt-Theaters ein überregionales Ansehen (und Einladungen zum Berliner Theatertreffen) gebracht.

Für Hesse ist der Umgang mit der Realität, ist die Zeitgenossenschaft von Theater aber auch noch aus einem anderen, tieferen Grund unverzichtbar."Wir erleben, um mit Richard Sennett zu sprechen, einen Verlust der Öffentlichkeit." Es werde immer schwerer, Orte zu finden, an denen "eine politisch-öffentliche Kultur noch lebendig zustandekommt".Die Tendenz des Sozialen geht stark "in die Richtung elektronischer Vereinsamung".Um so kostbarer sind für Volker Hesse die Theater, "wenn es gelingt, sie wieder zu Austragungsorten von Meinung, von Realität, von Auseinandersetzung zu machen".Daß dies möglich ist, hat er selber in den vergangenen Jahren an einer kleinen, überschaubaren Bühne erfahren und auch bewiesen.

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