Theaterkulissen von Ernst Ludwig Kirchner : Der Expressionist im Gasthaus

In seinem Schweizer Refugium malte Ernst Ludwig Kirchner auch Theaterdekorationen – jetzt erstmals zu sehen im Kirchner Museum Davos.

Kerstin Stremmel
Bäuerliche Gesellschaft. Blick auf Kirchners Kulissen in der Ausstellung in Davos. Foto: © Kirchner Museum Davos/Stephan Bösch
Bäuerliche Gesellschaft. Blick auf Kirchners Kulissen in der Ausstellung in Davos.Foto: © Kirchner Museum Davos/Stephan Bösch

Für den nervösen Stadtmenschen Ernst Ludwig Kirchner, dessen Berlinbilder zu den Höhepunkten expressionistischer Malerei zählen, hatte die Flucht in die Schweizer Berge produktive Folgen. Vor hundert Jahren kam Kirchner erstmals nach Davos, fand in der hochalpinen Landschaft eine Bleibe und neue Motive, und er veränderte seine Formensprache. Er war selbstbewusst genug, sich nicht nur für einen der innovativsten Künstler seiner Generation zu halten, sondern auch unverkrampft angewandte Kunst zu schaffen. Der Wunsch, in der bäuerlichen Gesellschaft akzeptiert zu werden, ließ ihn die Kulissen von fünf Theaterstücken für das Laientheater des gemischten Chors in Frauenkirch schaffen. Unter dem Titel „Jetzt soll ich wieder am Theater malen“ werden sie derzeit im Kirchner Museum Davos gezeigt.

Da Kirchner sich an Regieanweisungen hielt und die gewünschten Motive in einer kräftigen, naturalistischen Farbigkeit schuf, waren die Kritiken der „Davoser Zeitung“, von denen einige in der Ausstellung plakatiert sind, recht positiv. Da wird in einem Artikel die „von Herrn ‚Kunstmaler‘ Kirchner in Frauenkirch neu erstellte, in prächtigen Farben gemalte Bühne“ erwähnt, die „als Kunstwerk genannt werden darf“.

Wirkungsvolle Unmittelbarkeit

Im Mittelpunkt der Davoser Ausstellung stehen die erhaltenen und angenehm zurückhaltend restaurierten Kulissen aus Sackleinen. An Seilzügen befestigt, wurden konzentrierte Räume im Raum geschaffen. Das funktioniert besonders gut, weil viele der Kulissen Türen und Fenster enthalten: Man bewegt sich zwischen Außen- und Innenansichten eines Hauses, blickt auf das hermetische Äußere einer Holzhütte, dreht sich um und steht vor einem bäuerlichen Ambiente mit dekoriertem Buffet oder einer Anrichte mit Blumenstrauß, wird aber auch mit den Wänden einer von absichtsvoll dilettantisch gemalten Graffiti bedeckten Arrestzelle konfrontiert. Kirchners schnelles, sicheres Arbeiten erzeugt eine wirkungsvolle Unmittelbarkeit.

Das Bühnenbild der Gefängniszelle war die letzte Kulisse, die er 1935 für eine Theateraufführung des gemischten Chors schuf, seinem Freund und Arzt Frédéric Bauer schrieb er: „Wenn die Stücke nur auf etwas höherem Niveau ständen, könnte das ganz interessant sein, so ist es eine halbe Sache.“ Für seine Arbeiten verlangte er nichts, und als man ihn bat, die Kulissen zu signieren, soll er laut einem an der Produktion beteiligtem Schreiner gesagt haben: „Mein Name kostet 1000 Franken.“

Großformat dank Theaterarbeit

Dass Kirchner seine Kulissen nicht als Kunstwerke verstanden hat, verhehlt die Ausstellung nicht. Die unprätentiöse Inszenierung zeigt auch, wie andernorts mit den Kulissen umgegangen wird, ist doch die Leihgabe aus dem Buchheim Museum in Bernried am Starnberger See, eine Waldkulisse aus „Die Tochter vom Arvenhof oder Wie auch wir vergeben“, prächtig gerahmt, ebenso wie die mit 2,20 mal 6 Meter nicht transportable Alpenlandschaft, die hier in Davos als Tapete reproduziert wird. Lothar-Günther Buchheim selbst hat in einem einfühlsamen Artikel aus dem Jahr 1964 darauf hingewiesen, dass Kirchners Beschäftigung mit seiner neuen Umgebung dank der Theaterarbeit endlich im großen Format stattfinden konnte.

Aus dem Volksstück von Paul Appenzeller werden im Rahmen der Ausstellung Funken geschlagen. Im lichtdurchfluteten Kirchner Museum, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum feiert, ist für die Dauer der Ausstellung ein Gastraum mit Holzvertäfelung eingerichtet worden, in dem permanent die Übertragung einer behutsamen Adaption dieses Stücks gezeigt wird. Ähnlich wie Kirchner findet auch das Museum einen Weg, sich dem Gemeinwesen zu öffnen, ohne sich anzubiedern.

Kirchner Museum Davos, bis 29. Oktober.

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