Kultur : Theatermord

Das Stück „Ehrensache“ bleibt in Hagen verboten

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Lutz Hübners Stück „Ehrensache“ darf am Theater Hagen auch künftig nicht aufgeführt werden. Gegen die Inszenierung, die sich mit den Hintergründen eines realen Mords zweier türkischstämmiger Männer an einer 14-Jährigen im Mai 2004 beschäftigt, hatte die Mutter des Opfers im April beim Oberlandesgericht Hamm eine Verfügung bewirkt; diese hat das Landgericht Hagen nun bestätigt. Seit der Verfügung mussten fünf ausverkaufte Vorstellungen abgesagt werden.

Dem Berliner Dramatiker Hübner, einem der erfolgreichsten deutschen Jugendtheater-Autoren, liegt die Urteilsbegründung noch nicht vor. Wie die Stadt Hagen mitteilt, heißt es darin, dass dem so genannten postmortalen Persönlichkeitsrecht Vorrang vor der Kunstfreiheit einzuräumen sei. Die Stadt sowie Hübner und sein Bühnenverlag erwägen rechtliche Schritte, um eine baldige Wiederaufführung zu erwirken. In Essen, wo „Ehrensache“ 2005 uraufgeführt wurde, ist das Stück bislang nicht verboten, die nächste Vorstellung steht am 9. Juni auf dem Programm. Allerdings wurde ein Gastspiel beim Jugendtheaterfestival Düsseldorf untersagt. Das Schauspielhaus Hamburg hat „Ehrensache“ für Oktober angekündigt.

Kaum zu glauben: Da verteidigt ein Theaterstück – als fiktive Annäherung an die akute Frage des Clashs der Kulturen unter Deutschlands Jugendlichen – das Recht eines Mädchens auf Selbstbestimmung. Und zwar vor dem realen Hintergrund, dass zwei junge, mittlerweile rechtskräftig verurteilte Männer solch ein Mädchen nach einer gemeinsamen Wochenend-Spritztour mit 30 Messerstichen ermordeten: Einer der Türken fürchtete um seine Ehre, weil er annahm, das Mädchen sei von ihm schwanger. Die Mutter des Opfers nimmt in Hübners Plädoyer für die Rechte ihrer Tochter jedoch eine Ehrverletzung wahr. „Ein großes Missverständnis“, sagt Lutz Hübner. „Ellena im Stück ist offensiv, frech, sexuell selbstbewusst. Kein Theaterbesucher hat das negativ wahrgenommen.“

Mit Angehörigen hat Hübner nicht gesprochen: „Ich wollte kein Doku-Drama schreiben. Es ist nicht das Stück zum Fall. Der Fall war lediglich Anlass für mich, über Wertevorstellungen, Ehrbegriffe und Frauenbilder zu schreiben.“ Dafür sprach Hübner mit Kreuzberger Jugendlichen aus der dritten Migrantengeneration. „Ich wollte wissen: Unter welchem Druck stehen die.“ Dass sich die Auseinandersetzungen über Persönlichkeitsrecht versus Kunstfreiheit derzeit häufen, nimmt Hübner als eine Art Kettenreaktion wahr. „Es gibt keine juristischen Moden, aber ein Verbotsfall bezieht sich gerne auf den anderen. So bezieht man sich bei „Ehrensache“ nun auf das Verbot des Films ,Rohtenburg’.“ Der Berliner Ehrenmord, der Streit um die Rütli-Schule, die Bonner Burka-Schülerinnen: „Das Thema“, so Hübner, „wird immer aktueller.“ Absurd, dass sein Stück ausgerechnet deshalb vor Gericht steht. chp

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