Theatertreffen Berlin : Rothaarige Hölle

Berliner Theatertreffen: Ersan Mondtags Horrortrip „Tyrannis“ vom Staatstheater Kassel.

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Kassler Kessel. Das Ensemble von "Tyrannis" beim Berliner Theatertreffen.
Kassler Kessel. Das Ensemble von "Tyrannis" beim Berliner Theatertreffen.Foto: Nils Klinger

Wer dieses Jahr nicht alles dabei ist beim Theatertreffen! David Lynch, Alfred Hitchcock, die Brüder Grimm, Vegard Vinge, Katie Mitchell, Stanley Kubrik, Susanne Kennedy, Roy Anderson, die Addams Family, Edvard Munch, Jon Fosse, Aki Kaurismäki, John Carpenter ...

Die Assoziationen fließen zahlreich in Ersan Mondtags „Tyrannis“. Von all diesen Künstlern, lebenden und toten, scheint diese Arbeit inspiriert. Mit 28 Jahren ist er der jüngste der ausgewählten Regisseure des Theatertreffens, und das Staatstheater Kassel gehört auch nicht zu den Dauergästen in Berlin.

„Tyrannis“ hat in jedem Fall den Vorzug, eine radikal strenge Form anzubieten und einen großen Resonanz- und Fantasieraum. Obwohl oder auch weil das Heim der mörderischen Mondtag-Familie zum Ersticken eng wirkt. Ein Kammerspiel läuft hier auf der Seitenbühne des Festspielhauses vor kleinem Publikum.

Sie tragen aufgeklebte Augen auf den Augen

Sie sind rothaarig, stumm und tragen aufgeklebte Augen auf den Augen, eine Art Minimalmaske. Darauf gefriert der Schrecken, schreit gleichsam die Indifferenz dieser Untoten. Sie haben eine mechanische Art, durch die ungute Stube zu schlurfen und zu schlappsen, sie essen hektisch, müssen oft aufs Klo. Der Vater kommt mit der Axt in der Hand herein und einem Weihnachtsbaum, den der Sohn auftstellt. Die Mutter bereitet Mahlzeiten zu mit Todesverachtung, die Tante ist eine Unglücksbotin, wie sie im Buch steht, die Tochter, dick wie eine Wurst, malt ein Selbstporträt. Eine Fremde steht eines Tages vor der Tür, jung und hübsch und ebenso eine chronische Schweigerin. Unheilvoll geht sie in ihr Zimmer, nimmt ihren Platz am Esstisch ein – eine verlorene Tochter, eine Tote? Es riecht nach Verbrechen in diesem Haus im Wald. Inzest, Mord, Missbrauch, alles drin. Alles denkbar.

Die Bühne zeigt Wohnzimmer, Esszimmer und Küche. Was hinter den Türen geschieht, sieht man (zum Teil) auf den drei Monitoren. Die elektronischen Bilder bringen auch kein Licht in die düstere Geschichte. Ibsen könnte man so spielen, denn es sind wieder die Alten, die den Jungen die Luft abdrücken, die Gespenster, die Lasten und Laster der Vergangenheit. Und die Jungen können auch nicht besser sein.

Sie werden vergiftet und stehen wieder auf

Denk dir, was du willst, sagt diese verblüffend sauber gearbeitete, raffinierte Performance. Denk dies oder das, aber gut geht es nicht aus. „Tyrannis“ stellt man sich als Lagerraum für Horror vor, bedien dich, mach was draus. Familienhorror jeglicher Couleur. Das ist die Stärke und auch die Schwäche der Mondtag-Schwarzmalerei. Wo sind wir, wer sind die? Muss man das wissen? Ist es nicht eine Erlösung aus der Welt der falschen Faktizität und Nachrichtenlogik?

Sie werden vergiftet und stehen wieder auf. Sie sind vom Schlag getroffen, kippen um und stehen wieder auf. „Tyrannis“ ist die Hölle. Der Fluch ewiger Wiederholung. Auf Erden sowieso, aber auch danach. Das Leben nach dem Tod. Das Leben hinter Mauern, die etwas verbergen. Stark gesampelt, clever präsentiert, das passt schon zum Theatertreffen.

Ersan Mondtag hat Engagements jetzt überall, auch in Berlin. Die Hölle, das kann auch der Erfolg sein. Hoffentlich bewahrt er sich die Ruhe, die Kraft, die in diesem finsteren Lichtspiel liegt.

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