Theatertreffen : Genießt euren Dreck!

So schnell kann’s gehen: Plötzlich ist das Schauspiel Köln vorn. Karin Beier liefert mit "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" das Motto der Saison.

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Saustall. Ein Film von Ettore Scola ist die Steilvorlage für den Menschenzoo der „Hässlichen, Schmutzigen und Gemeinen“.
Saustall. Ein Film von Ettore Scola ist die Steilvorlage für den Menschenzoo der „Hässlichen, Schmutzigen und Gemeinen“.Foto: Berliner Festspiele/Lefebvre

Sie ist wohl schon jetzt die Siegerin der Saison, die Kölner Schauspielintendantin und Regisseurin Karin Beier. Drei Aufführungen aus ihrem Haus sind dieses Jahr beim Berliner Theatertreffen dabei, das am Freitag mit der Kölner Version von Horváths „Kasimir und Karoline“ in der Regie von Johann Simons eröffnet wird. Hinzu kommen in Karin Beiers eigener Inszenierung noch „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“ (nach einem Film von Ettore Scola) und als Koproduktion mit dem Hamburger Thalia Theater das in Köln uraufgeführte Finanzkrise-Textflächendrama von Elfriede Jelinek, „Die Kontrakte des Kaufmanns“ (Regie Nicolas Stemann).

Auch der Gertrud-Eysoldt-Ring, mit der bedeutendste Darstellerpreis, ging dieses Jahr nach Köln, an die Schauspielerin Barbara Nüsse als König Lear in Karin Beiers femininer Shakespeare-Deutung; und den Möchtegern-Oscar des deutschen Theaters, albern genug „Der Faust“ genannt, hat unlängst Karin Beier selbst erhalten. Ihr vorerst größter oder zumindest am härtesten erkämpfter Triumph aber ist ein kulturpolitischer: Am 13. April beschloss der Kölner Stadtrat überraschend und gegen den Oberbürgermeister Josef Roters und seine SPD-Mehrheitsfraktion das vom Abriss bedrohte Gebäude des Kölner Schauspielhauses zu sanieren. Der im technischen, baupolizeilichen Inneren marode, doch im Äußeren noch immer stattliche und städtische Identität stiftende Bau des Architekten Wilhelm Riphahn hätte, kaum 50 Jahre alt, einem fragwürdigen Neubau weichen sollen. Dafür wäre dann im geldklammen Köln der dem eigentlichen Spiel-Zweck dienende Theateretat gekürzt worden.

Karin Beier ist gegen diese Absurdität wie eine Jeanne d’Arc vom Rhein in die Schlacht gezogen, hat bei Stadtrat-Hearings und mit einem furiosen Offenen Brief 50 000 Kölner Bürger für eine preiswertere, intelligentere Sanierungslösung mobilisiert und dabei eine harte Konfrontation riskiert: mit ihrem bis dahin als übermächtig geltenden Intendantenkollegen Uwe Eric Laufenberg im benachbarten Opernhaus. Der hatte für den Theaterabriss plädiert.

Wie eine Tänzerin wirkt sie auf den ersten Blick, kurze Locken, zierlich und athletisch zugleich, von zupackendem Temperament. Seit drei Jahren leitet die 44-Jährige, die von Hamburg bis Wien zuvor an zahlreichen Großbühnen inszeniert hat, das aufstrebende Theater ihrer Geburtsstadt. Vor Jahren erregte Beier bereits Aufsehen, weil sie Shakespeare mit Schauspielern aus mehreren Ländern auch mehrsprachig inszenierte, um Shakespeares universellen Kosmos gleichsam multikulturell zu versinnlichen. Jetzt ist Beier für die klüngelselige, mehr von Einstürzen als Aufbrüchen gezeichnete Weltprovinzmetropole am Rhein offenbar zum Wirbelwind geworden. Unter eben noch bleiernen Flügeln.

Wie sehr man hier immer wieder animieren muss und inspirieren, spürt der Besucher schon bei „Kasimir und Karoline“. Trotz der Kür zum Theatertreffen, die man auf Wandbotschaften und Websites verkündet, füllt eine Vorstellung zur Wochenmitte wenig mehr als das halbe große Haus. Und leicht macht es Johann Simons Aufführung keinem. Es ist eine ausgekühlt nüchterne Nachtansicht des Münchner Oktoberfests, aller Rausch ist hier nur kalter, dünner Rauch, und die besoffene, notgemeine, von Arbeitslosigkeit, Lebenssehnsucht und Existenzangst getriebene schaurig komische, zwischen Zärtlichkeit und Brutalität schwankende Rührseligkeit der Personage hat den Katzenjammer schon intus. Es zucken nur letzte Nervenreste, der Abgrund in den stillen Wassern ist grad so tief wie eine Bierpinkelpfütze.

Über allem glimmt auf einem Eisengerüst mit Stegen und Podesten, das der Berliner Volksbühnenbildner Bert Neumann als düsteres Monster entworfen hat, in Buchstaben aus goldsilbrigem Tand das Wort Enjoy. Doch eine fünfköpfige Band unter dem Gerüst, zu der auch Simons Koregisseur Paul Koek gehört, gleicht schwarzen Knochenmännern mit weißen Puderperücken auf Totenköpfen; ihr schwermütiger Sound wirkt nicht einmal wie eine Ironie auf die Schrift darüber, dazu ist die Botschaft der Szenerie viel zu klar: Lasst alle Hoffnung fahren. Und Glaube und Liebe sowieso.

Ironie, die kälteste, verkörpert jedoch der Schauspieler Markus John, ein Protagonist des Kölner Theaters, groß, beleibt, mit schütter dunklem, fettigen Haar, ein melancholischer Macho: der eben „abgebaute“ (sprich: entlassene) Chauffeur Kasimir hat Lebensdellen wie der am Hochgerüst gestrandete Opel, an den er irgendwann seine propere Karoline knallen wird (Angelika Richter). Die Ironie indes ist Kasimirs eleganter heller Sommeranzug, kein Hartzlook, sondern das Kostüm aus eben noch bessern Zeiten. Sein Arbeits-Anzug.

Es ist das eine von vielen kleinen, fast unscheinbaren Brechungen einer Inszenierung, die der Holländer Simons, der nun Intendant der Münchner Kammerspiele wird, ursprünglich für seine Theatertruppe in Gent und für den Papstpalasthof in Avignon gemacht hatte. Als kühler Kontrast zum dortigen Sommerfestival, und für Gent gleichfalls open air: Bert Neumanns Gerüst hatte sich auf einem Flugplatz vor einem offenen Hangar zu behaupten, und im Himmel schwebten statt Horváths imaginärem Zeppelin der Anfangsdreißigerjahre reale Flugzeuge.

Heutigkeit haben auch die beiden anderen Kölner Theatertreffen-Aufführungen im Sinn. Jelinek sowieso. Ihre „Wirtschaftskomödie“, das ist der Untertitel der „Kontrakte des Kaufmanns“, wird im Angesicht von Lehman, Goldman, Deutscher Bank, Griechenland undsoweiter ständig fortgeschrieben, und Nicolas Stemanns fünfeinhalbstündige Performance aus Kalauer und Katastrophe, aus Surrealem und überwahr Wirklichem, schmeißt mit den eigenen Vertragsunterlagen, nämlich dem fortlaufenden Stücktext auch während der Veranstaltung fortwährend um sich. Aufklärung und Abfall – es geht alles Hand in Hand.

Zu Herzen aber geht nichts. Wie auch. Und schon gar nicht in der wohl sonderbarsten Veranstaltung des kommenden Treffens. Karin Beier hat sich an Ettore Scolas Film „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“ erinnert: eine wüste kleine italienische Familienfarce von 1976. Sie erzählt einen Tag, von der Nacht in die Nacht, in einer fiktiven Favela, einem künstlichen Slum; erzählt von einer Großfamilie in der Nissenhütte auf einem römischen Hügel hinter der Kuppel des Petersdoms. Zwischen Himmel und Hölle. Hier ist dem Überlebenskampf unter Tagelöhnern, Säufern, Huren, Kleinkindern, Greisen und Händlern der Jahreszeiten nichts Menschliches fremd. Es wird gefickt, vergewaltigt, gestohlen, betrogen und beglückt, vergiftet, begehrt und versehrt, geküsst und geschlagen – das Wort Missbrauch klänge in dieser grotesken Welt wie das Fremdwort einer kulturellen Luxusdebatte.

Aus dem gruselmärchenhaften römischen Proletariat macht Karin Beier ein urdeutsches Prekariat. Nicht in Lumpen, eher in T-Shirts, Ballonseide und boutiquig buntem Fummel. Aus der Wackelhütte ist ein stabiler Blechcontainer mit einer Glasfront zum Publikum geworden. Und aus allem: ein dramatischer Stummfilm. Der Container ist fast schalldicht, nur ab und an, wenn sich kurz eine Türe öffnet, dringen ein paar Flüche oder Musikfetzen nach draußen. 15 Schauspieler, als Oberekel wieder Markus John, zwei Stunden lang gestikulierend, redend, schreiend, sich schlagend, fressend, vögelnd und verwünschend im bundesdeutschen Unterwohlstandsmüll, im grellen Neonlicht: eine Autopsie, clean und schmutzig, die Nackten und die Zoten nah und fern zugleich. Selten wirkte das Derbe so keusch, die Hölle so puritanisch. So trivial und menschlich. In Köln spielt das in einer Abbruchfabrik. In Berlin wird’s auf der Hinterbühne des Festspielhauses sein.

Karin Beier sagt dazu im Gespräch, sie wolle weder zynisches „Dschungelcamp“ noch sentimentalisches „Nachtasyl“, sondern eine Reflexion, wie das Theater und seine fest bezahlten Künstler mit der Armut umgehen. „Und“, fügt sie hinzu, „wie es die Zuschauer tun in ihrer Rolle als Voyeure. Wir sind ja, ob spielend oder zusehend, von der schlimmsten Wirklichkeit immer wie durch klares Panzerglas getrennt.“

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