Theatertreffen : Willkommen im Institut für Gärungswesen

Drei neue Anläufe mit viel Musik: Christoph Marthalers "Riesenbutzbach", Roland Schimmelpfennigs "Der goldene Drache" und das Off-Broadway-Stück "Life and Times".

Christina Kaindl-Hönig

Auch die Gewinner zahlen ihren Tribut: „Durch schadhafte und durchlöcherte Seelen rinnt die Zeit hindurch. Dem Vielgeschäftigen gehört bloß die Gegenwart, und gerade sie entzieht sich den nach so vielen Seiten hin Zerstreuten“, diagnostiziert der Tragödiendichter Seneca bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. Nicht die Natur hat unsere Lebenszeit zu kurz bemessen, sondern wir verkürzen sie selber, damals wie heute – durch falsche Lebensführung, und ohne das gesellschaftliche Ganze unserer prekären Existenzbedingungen erkennen zu können.

Es ist die Unmittelbarkeit des Theaters, die es zu einem Ort der kurz aufblitzenden Erkennbarkeit unseres so gegenwärtigen Lebens macht: einer enttäuschten und krisenverunsicherten Existenz. Ein kritisches Innehalten bieten den „vielgeschäftig Zerstreuten“ drei bemerkenswerte Inszenierungen in Wien, die nun zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden. Sie eint nicht nur der Blick auf unsere Gegenwart, sondern auch die musikalische Struktur, mittels derer sie den Verhältnissen einen Gedanken an Veränderbarkeit abzutrotzen vermögen.

Durch die Auflösung traditionell-linearer Erzählstrukturen vermitteln diese postdramatischen Theaterformen aus Zitatmontagen, dokumentarischen Bruchstücken und surrealen Einschüben ein sinnliches Abbild unserer Realität. Sei es im Überdruss eines gesättigten Mittelstandes in Christoph Marthalers „Riesenbutzbach. Eine Dauerkolonie“, dem melancholischen Musiktheaterprojekt des Schweizer Regisseurs, das bei den Wiener Festwochen 2009 uraufgeführt wurde. Sei es in der Agonie des Wohlstands in „Der goldene Drache“, wie sie der Erfolgsautor Roland Schimmelpfennig als sein eigener Regisseur bei der Uraufführung im Wiener Akademietheater eindringlich zum Klingen brachte. Sei es im Abgesang auf die Banalität uniformen Lebens in „Life and Times“, der musicalartigen Performance der New Yorker OffBroadway-Gruppe Nature Theater of Oklahoma, uraufgeführt im Kasino des Burgtheaters.

Es ist die Musik, die diese drei Wiener Produktionen verbindet, als Kontrapunkt zur gesellschaftlichen Apathie. „Institut für Gärungswesen“ steht in großen, in Beton gegossenen Lettern über Anna Viebrocks gleichermaßen hyperrealistischer wie surrealer Bühne von „Riesenbutzbach“: Sie funktioniert als klaustrophobe Mischung aus Sparkassenfiliale, Möbellager und Hinterhof mit Garagen, woselbst Christoph Homberger als Gesangskontrolleur eine so entseelte wie dröge Hartz-IV-Kolonie in Jogginganzügen und Hausschlappen bewacht. Wie ferne Erinnerungen an die Geborgenheit in der Wohlstandsgesellschaft singen und summen die 15 Protagonisten Schubert-, Mahler- und Wiener Lieder im mehrstimmigen Chorsatz. Als ironischer Kommentar zur prekären Situation der am Ende in drei Garagen Gesperrten erschallt das „Staying alive“ der Bee Gees wie ein nie enden wollendes Mantra.

Dominiert bei Marthaler die klassische Liedform, so vermitteln Musicalsongs zwischen Country-Folk und Popschnulze die biografische Erzählung in „Life and Times“ des jungen New Yorker Regieduos Kelly Copper und Pavol Liska alias Nature Theater of Oklahoma. Auf einer kleinen, weißen Showtreppe, begleitet von drei Live-Musikern mit Ukulele, Cello, Querflöte und Xylophon, geben sechs Darsteller in uniformen grauen Kleidern und Hosen eine Mischung aus rhythmischer Gymnastik, Sprechgesang und sentimentalen Songs. Sie jonglieren mit Reifen und Bändern wie beim Bodenturnen und werfen sich dabei biografische Einzelheiten aus den ersten sechs Lebensjahren einer mittlerweile erwachsenen Frau wie Bälle zu.

Chinesische Klangschalen und ein Gong, die von den Schauspielern selbst zum Tönen gebracht werden, außerdem asiatische Zitherklänge aus einem tragbaren Kassettendeck unterstreichen die Atmosphäre in Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“. Sein Stück ist ein magisch-realistisches Szenenmosaik, in dem das flüchtige Spiel der Verwandlung und des Geschlechtertauschs den Ton angibt. Erzählt wird das traurige Schicksal eines jungen, mittellosen Chinesen in einem Asia-Schnellrestaurant, der auf der Suche nach seiner verschollenen Schwester zu Tode kommt.

Auf Johannes Schütz’ bis auf ein paar Requisiten nahezu leeren, gleißend-weißen Spielfläche realisiert Schimmelpfennig mit einfachsten Mitteln in flirrender Leichtigkeit seine filmische Short-Cut- Dramaturgie aus rasenden Szenen- und permanenten Rollenwechseln für fünf Schauspieler, die 17 Figuren unterschiedlichen Alters und beiderlei Geschlechts verkörpern. Die Musikalität Schimmelpfennigs liegt zugleich in der Komposition seines Theatertextes, der in einem alltagssprachlichen Stilpluralismus zwischen epischer und dramatischer Erzählweise changiert.

Dominiert auch bei Marthalers Collage aus Zitaten von Seneca bis Röggla das körperlich-musikalische Erzählmoment, so bremst der konzeptuell-theoretische Anspruch des Nature Theater of Oklahoma in „Life and Times“ die sinnliche Vermittlung privaten Lebens. Hier ist sie nur mehr Abdruck gesellschaftlicher Uniformiertheit: Retardierend langatmig performen sechs Darsteller in sportiver Konzentriertheit und einem genau festgelegten Repertoire an Mimik, Gestik und Bewegungen die zu einem Libretto transkribierten Telefonerzählungen einer jungen Amerikanerin: überwiegend Kindheitserinnerungen, garniert mit Versprechern, Nachdenkpausen, „Ähs“ und „Ums“ eines realen Gesprächsverlaufs.

So richten diese drei Wiener Uraufführungen in einer jeweils spezifischen Handschrift einen Spiegel auf die ins Surreale driftende Struktur unserer Verhältnisse. Ein Theater des Innehaltens in verrückter Welt.

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