Thees Uhlmann : Ich sang die ganze Zeit von mir

Endlich zu Hause: Thees Uhlmann ist als Frontmann von Tomte bekannt geworden. Jetzt erscheint sein erstes Soloalbum. Es ist eine Liebeserklärung an den Rock ’n’ Roll. Ein Treffen mit dem Sänger.

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Vorwärts zu den Wurzeln. Am 30. Oktober beendet Thees Uhlmann seine Tournee im Berliner Postbahnhof. Foto: David von Becker
Vorwärts zu den Wurzeln. Am 30. Oktober beendet Thees Uhlmann seine Tournee im Berliner Postbahnhof. Foto: David von Becker

Es ist ein rares Talent, das der Musiker Thees Uhlmann besitzt: Sich als öffentliche Person, als Künstler und, ja, Rockstar sehr weit zu öffnen, ohne dass dies im Geringsten exhibitionistisch oder selbstausbeuterisch wirkt. Im von Kinoregisseur Dietrich Brüggemann („Renn wenn du kannst“) gedrehten Video zu Uhlmanns Lied „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ sieht man den Sänger und seine Band in dessen Elternhaus im niedersächsischen Hemmoor, einer Kleinstadt im Landkreis Cuxhaven. Die Keyboarderin sitzt am Flügel im Wohnzimmer, an dem einige Stücke des ersten Soloalbums entstanden sind, das an diesem Freitag erscheint, Uhlmann spielt Gitarre im Garten, hockt mit seinem Bruder und seiner Mutter vor dem Haus, dagegengeschnitten sind echte Videoaufnahmen aus Uhlmanns Kindheit. 37 Jahre ist er jetzt, er stellt die alten Szenen nach, mehr als drei Jahrzehnte später, singt vom Großwerden in den achtziger Jahren, von Littbarski-Postern und seiner ersten Gitarre. Ein Kreis schließt sich, Thees Uhlmann singt ein Lied davon.

„Es wurde Zeit“, war im Vorfeld zu lesen. Nach fünf Alben mit seiner Band Tomte, nach den Anfängen in Hemmoor, den ersten Demotapes und Fanzine-Besprechungen, nach einer Bandkarriere, die sich über Jahre langsam, aber stetig weiterentwickelte – nach alldem ist Thees Uhlmann jetzt, man kann es nicht anders schreiben, bei sich selbst angekommen. Er hat eine neue Platte gemacht. Und dieses Mal steht nur sein Name drauf.

„Ich war 17 Jahre lang Thees Uhlmann von Tomte“, sagt der Musiker beim Gespräch in Berlin. „Und ich war es echt doll und ich war es echt, glaube ich, auch ganz gut. Aber jetzt möchte ich mal etwas machen, was nur ich selber bin.“ Neue Phase, neuer Name. Tomte ist nicht aufgelöst, liegt aber auf Eis. Jetzt „Thees Uhlmann“, erschienen auf Uhlmanns eigenen Label Grand Hotel van Cleef. Es ist kein überraschendes Album, weil auch in den Tomte-Alben viel drinsteckte von Thees Uhlmann. Aber ehrlich ist es, kraftvoll und temporeich, leidenschaftlich und wunderbar pathetisch, eine weite Landschaft aus großen Gefühlen. „Du bist immer der Erste, der ,für immer‘ schreit“, heißt es in der Liebeshymne „Römer am Ende Roms“.

Und das war schon immer so, schon auf dem ersten Tomte-Album „Du weißt, was ich meine“, das die Hamburger Punkrocker von But Alive 1998 auf ihrem B.A.-Label veröffentlichten. Marcus Wiebusch, damaliger But-Alive-Sänger, heutiger Frontmann von Kettcar und zudem gemeinsam mit Uhlmann Chef von Grand Hotel von Cleef, sagte einmal in einem Interview, er habe Tomte damals nur einen Plattenvertrag gegeben, „weil ich wusste, wenn ich das nicht mache, dann gibt euch kein Mensch auf der ganzen Welt einen Plattenvertrag. Und wenn ihr keinen Vertrag kriegt, werdet ihr euch auflösen. Ich wollte aber, dass ihr weitermacht, weil ich gesehen habe, was in euch schlummert“.

Und jetzt sitzt Thees Uhlmann da, der früher mal Roadie der Diskursrock-Urväter Tocotronic war, und hat sein Soloalbum draußen. Dessen Coverfoto zeigt ihn von hinten, in Jeans und Lederjacke, die Gitarre schräg am Rücken – ein Bruce-Springsteen-Zitat, große Absicht, große Verehrung. Die Musik eine Liebeserklärung an den Rock ’n’ Roll, langgezogene Melodien, Ohrwurmrefrains, Synthies und Gitarrenwände. Uhlmanns Alben sind von Mal zu Mal opulenter geworden, mehr Bandmitglieder, mehr Gitarrenspuren, brillantere Produktion. Das lag alles an der „Verfügbarkeit der Produktionsmittel“, sagt der Sänger. Es ging immer weiter – weil es eben ging. Wo er noch hinwachsen will? Ach, keine Ahnung. Mit „Zum Laichen und Sterben ...“ wird Thees Uhlmann jedenfalls am 29. September bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest antreten, für Hamburg. Moment, Stefan Raab? Ist das nicht der totale Ausverkauf? Ach was. Er hat Lust drauf, was soll’s, in ein paar Jahren wird er grinsend dran zurückdenken.

Als Musiker und Labelchef ist Uhlmann eine der wichtigsten Figuren in der deutschsprachigen Indierock-Szene. Dass er ganz klein angefangen hat, dass er nie auf einem Major-Label war, all das macht ihn glaubwürdig. Mit seinem Erfolg, seiner Bekanntheit hat Uhlmann kein Problem. Auch er habe früher zu Rockstars aufgesehen, sagt er. Jetzt ist er selbst einer, so ist das eben. „Ich habe das Tomte-Ding ganz, ganz weit gebracht. Ich hatte ja wirklich diesen Old-School- Rock-’n’-Roll-Traum: Touren, Festivals, Konzerte – und ein bisschen davon leben können. Das habe ich alles erreicht, und dafür bin ich sehr, sehr dankbar.“ Tomte, das sei auch immer Zähneknirschen gewesen, die Angst, dass es irgendwie doch nicht klappt. Das hat Uhlmann hinter sich gelassen. Was jetzt kommt, sagt er, das neue Album etwa, sei ein Bonus. „Ich bin ja nicht mehr 25 und spiele bei den Arctic Monkeys, ich bin fucking 37 und spiele unmoderne Rock-’n’-Roll-Musik.“

Aber was für welche. Komplett auf dem Klavier geschrieben, in seiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg, wo Uhlmann eine Wohnung hat und wo seine kleine Tochter bei ihrer Mutter wohnt, in seiner zweiten Wohnung in Hamburg, wo das Label sitzt, und an dem Flügel seiner Mutter in Hemmoor. Lebenslieder sind es geworden, übers Zusammen-Wegfahren („Die Toten auf dem Rücksitz“), das Aufstehen und Welterkunden („Die Nacht war kurz und ich stehe früh auf“), den „Sommer in der Stadt“ und „Paris im Herbst“. In „17 Worte“ fasst Uhlmann ein (sein) Leben zusammen: „Ich habe ein Kind zu erziehen, dir einen Brief zu schreiben und ein Fußballteam zu supporten.“

In „& Jay-Z singt uns ein Lied“ hat der Rapper Casper einen Gastauftritt – Uhlmann hat wiederum auf dessen Album „XOXO“ ein Feature. Eine Seelenverwandtschaft, so scheint es: Uhlmann lobt die „Unbedingtheit“, die Emotionalität des 28-Jährigen. Sieht da einer eine jüngere Version seiner selbst? „Ich bin nicht mehr allein draußen im Game“, sagt Uhlmann und lächelt. Leuten, die auf dem Dorf sind, sagt er weiter, die 16 Jahre alt sind – denen bedeutet Casper im Moment alles. „Wirklich alles“. Er kennt das.

Und das Dorf? Hemmoor bekommt auch ein Lied auf dem neuen Album, „Lat: 53.7, Lon: 9.11667“ heißt es, die geografische Position. „Du kriegst die Leute aus dem Dorf, das Dorf nicht aus den Leuten“, singt Uhlmann, ein Zwischenfazit, auch hier: ein Kreis, der sich schließt. Er ist immer noch oft da, drei Stunden mit dem Zug, die Luft, das Wasser, „hier komm ich her“, singt er, „hier bin ich geboren“. Mit Lokalpatriotismus hat das nichts zu tun. „Der Ort besteht ja nicht aus Fischerkaten und kleinen Grachten, wo die Leute romantisch lustwandeln. Es ist einfach ein knallharter Ort an der Bundesstraße. Aber mir bedeutet es einfach was.“ In Großstädten rumhängen, Drogen nehmen – alles toll. „Aber weißt du, was auch geil ist? Auf der Veranda sitzen, Neil Young hören und Bier trinken.“ Zu Hause eben.

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