Kultur : Theodor Heuss Museum: Der Ausgeglichene

Gerhard Trey

Ein paar Besucher hatte sich Anja Grunwald vom Brackenheimer Theodor Heuss Museum schon erhofft. Doch als dann die Menschen ununterbrochen in das ehemalige Oberamtsgefängnis strömten, war auch sie perplex: am ersten Wochenende nach der Eröffnung schon über 1000 Besucher. Das Museum in Brackenheim wurde vor wenigen Tagen mit einem Festakt in Anwesenheit von viel Prominenz, vor allem der FDP, eröffnet. Heuss, erster Präsident der Bundesrepublik, wurde 1884 in Brackenheim geboren. Sein Name ist in der Kleinstadt allgegenwärtig.

Der Weinbau prägte die Hügellandschaft nahe Heilbronn schon bei der Geburt von Theodor Heuss. Mit der Weinwirtschaft beschäftigte sich die Doktorarbeit von Heuss, die er 21-jährig an der Universität München vorlegte, dem Weinbau musste auch das Geburtshaus von Theodor Heuss weichen: An seiner Stelle entstand 1949 die neue Genossenschaftskelterei. Dafür hat man jetzt das neue Museum in unmittelbarer Nachbarschaft untergebracht. Der frisch hergerichtete Bau spiegelt mit seinen starken Mauern und dem ruhigen symmetrischen Aufbau die ausgeglichene Art von Heuss wider. Schon von 1968 bis 1991 befand sich in diesem Gebäude eine kleine Heuss-Gedenkstätte. Dass ausgerechnet in einem ehemaligen Gefängnis die Erinnerung an ihn wachgehalten wird, dürfte den liberalen Heuss wenig stören, zumal es sich bei den Insassen wohl nur um kleine Sünder handelte.

Die Pfeifen fehlen

In den letzten zweieinhalb Jahren haben der Heilbronner Ausstellungsmacher und Grafikdesigner Peer Friedel und der Baden-Badener Filmproduzent Horst Brandenburg an einem passenden Konzept für das Museum gearbeitet. Das Gebäude wurde völlig umgebaut und auf drei Stockwerken mit rund 170 Quadratmetern für rund eine Million Mark eine zeitgemäße Museumsarchitektur verwirklicht. Technik wird dabei nicht kaschiert, Stahlträger nicht verdeckt, sondern bewusst in die Gestaltung einbezogen. Wie es sich für ein modernes multimediales Museum gehört, gibt es nicht nur Fotos und Texte, sondern vor allem Film- und Tondokumente. Beim Betreten empfängt den Besucher die sonore Stimme von Heuss, die sich für Parodien und Stimmenimitatoren so wundervoll eignete. Auf allen drei Stockwerken laufen Filme. Als Projektionsfläche fungiert im Keller die alte Gewölbewand, im übrigen Haus sind es frei stehende bogenförmige Flächen. Parallel dazu informieren Texttafeln und Bilder über das Leben und Werk des Politikers, Literaten und Journalisten. Mehr als fünfzig Archive haben die Museumsmacher einbezogen. Bis auf einige wenige Autographen fehlen allerdings Originale, man findet keinen Stock, keinen Hut, keinen Füllfederhalter und keine seiner legendären Pfeifen.

Das Kellergeschoss ist dem jungen Theodor Heuss gewidmet. Dort erzählt ein Film von seinen Brackenheimer Wurzeln. Der Vater war als Regierungsbaumeister im Brackenheimer Schloss beschäftigt. Das Erdgeschoss gilt dem jungen Heuss und dem liberalen Politiker bis zum Ende der Weimarer Republik. Heuss vertrat im Reichstag die liberale DDP und Staatspartei.

Vorbild mit Selbstironie

Natürlich kommt auch der Literat und Journalist ins Blickfeld. Ein 15-minütiger Film liefert dazu Autobiographisches. Von der "Flucht nach Innen" während der Nazizeit berichten die Dokumente im Obergeschoss. Dort wird auch jener Mann präsentiert, der dann nach dem Krieg die Rolle des neuen Bundespräsidenten mit Bravour ausfüllte: Heuss als Staatsmann, liberaler Denker, aber auch als Mensch, Vorbild mit Witz und Selbstironie. "Meine Herren! Ich gebe keine Richtlinien, ich gebe Atmosphäre!", so Heuss 1945 zu seinen Mitarbeitern als Kultminister von Württemberg-Baden, wie es damals hieß. In einer Ausstellung stößt man auf Altbekanntes, aber zuweilen auch auf kleine Sensationen. So lernt man in Brackenheim den Zeichner und Maler Heuss kennen, dessen Arbeiten ein hohes Niveau erreichten, und man erfährt, dass seine Frau Elly Heuss-Knapp, bei deren Namen man an ihr religiöses und soziales Engagement denkt, ihre Familie als Designerin während der Nazi-Zeit über Wasser gehalten hat. Sie gilt als die Erfinderin des akustischen Logos und hat für Firmen wie Wybert, Henkel und Hansaplast Markenzeichen entworfen, sowie einen Werbefilm für Nivea gestaltet.

Museumsleiterin Anja Grunwald freut sich über den guten Start und hofft, dass ihr Museum zu einer neuen Attraktion der schwäbischen Kulturlandschaft wird, die bisher vom Andenken an Schiller in Marbach oder Hölderlin und Hegel in Tübingen geprägt wurde.

0 Kommentare

Neuester Kommentar