Kultur : There was a Marktlücke

Philipp Lichterbeck

Dass die Deutschen "all so nachdenklich" seien, ist eine in den Vereinigten Staaten weit verbreitete Meinung. Der Gedanke beruht natürlich auf einem Missverständnis, das sich durch folgende Anekdote veranschaulichen lässt: Als die amerikanische Schauspielerin Gayle Tufts Anfang der Neunziger gerade nach Berlin-Kreuzberg gezogen war, hörte sie ihre Freunde eines Abends stundenlang über Hegel, Kant und die Schaubühne diskutieren. "Diese Germans", dachte sie, "always on the Suche for the hyperintellectual Urgrund." Erst später erfuhr sie, dass es um die Kegelbahn in der Kantstraße neben der Schaubühne gegangen war. Das war Tufts so sympathisch, dass sie in Berlin blieb und eine Karriere als Entertainerin begann.

Diese hat mit dem Programm "The wahre Wahrheit" in der Bar jeder Vernunft nun ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht (bis 2. Feburar 2002, Dienstag bis Sonntag, jeweils 20.30 Uhr). "There was a Marktlücke", sagt Tufts in perfektem Denglisch, dieser Mischung aus Deutsch und Englisch, die sie zu ihrem Markenzeichen gemacht hat. "The wahre Wahrheit" perfekt zu nennen, wäre wahrscheinlich untertrieben. Die Tufts ist nicht nur eine große Blues-Sängerin (und Texterin), sie beherrscht zudem die Kunst der Komödiantin.

Natürlich, schlagfertig, temperamentvoll, manchmal auch melancholisch - nicht nur das schwule Publikum erliegt dem warmen Charme der 41-Jährigen. Ihr langjähriger musikalischer Partner und Pianist Rainer Bielfeldt hat die gewitzten Chansons komponiert, die sich nie in den Vordergrund spielen, aber zur Tufts passen - wie Joschka Fischer, der "hippest Außenminister beetwen Prague and Rome", dem sie gesteht: "I am entflammt." Und als Tufts drei vor Herzlichkeit explodierende Backgroundsänger auf die Bühne holt, ist klar: The Bar Jeder Vernunft is the place to be bei diesem Scheißwetter.

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