Thomas-Mann-Ausgabe : Betrachtungen eines Unpolitischen: Auf Raubtierjagd

Nur wenige Jahre später wird er selbst ein "Engagierter" sein und sich kämpferisch gegen den aufkommenden Nationalsozialismus wenden. Doch in den "Betrachtungen eines Unpolitischen", die nun in einer neuen kommentierten Ausgabe vorliegen, kämpfte Thomas Mann 1917 gegen die "Zivilisationsliteraten" vom Schlage seines Bruders Heinrich.

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Thomas Mann ließ 1915 die Arbeit am „Zauberberg“ erst einmal ruhen und stieg in den Schützengraben. So empfand er selbst die Arbeit an seinem Bekenntnisbuch „Betrachtungen eines Unpolitischen“. Von wohlgesinnten Ärzten ausgemustert, leistete er Kriegsdienst am Schreibtisch. 1914 hatte er zu denen gehört, die den Krieg mit patriotischer Wildentschlossenheit begrüßten. In den „Betrachtungen“ setzt er nun an zur geistigen Generalmobilmachung; Gegnerschaft schafft Identität.

Der These einer einseitig deutschen Kriegsschuld und der Versuchung des Pazifismus begegnet er mit einer Breitseite pessimistischer Anthropologie: „Die tiefere Wahrheit ist, dass Alle den Krieg gewollt und nach ihm verlangt haben, es ohne ihn nicht mehr aushielten … Der Mensch empfindet Zivilisation, Fortschritt und Sicherheit nicht als unbedingtes Ideal; es lebt ohne Zweifel unsterblich in ihm (…) ein tiefes Verlangen nach dem Furchtbaren, wofür alle gewollten und aufgesuchten Strapazen und Abenteuer Einzelner im Frieden: Hochgebirgstaten, Polarexpeditionen, Raubtierjagden, Fliegerwagnisse nur Auskunftsmittel sind.“

Auch die „Betrachtungen“ – etwas unpassend erschien der 600-Seiten-Essay zum Friedensschluss im Herbst 1918 – sind eine Form der Raubtierjagd. Zur Strecke gebracht wird ein Typus des Künstlers, den wir heute noch kennen: der engagierte Schriftsteller, Thomas Mann nennt ihn „Zivilisationsliterat“. Bruder Heinrich vor allem hat Modell gestanden. Der Zivilisationsliterat ist der frankophile politische Belletrist, er ist der wiedergeborene Jakobiner, der sich nicht zwischen Menschheitsschmeichelei und Guillotine entscheiden kann; er ist der Satiriker des „Untertans“, der den hässlichen, spießigen Deutschen karikiert. Er fordert „Humanität“, glaubt an den sozialen Fortschritt und lässt die „Republik“ hochleben. Geschichte wird gemacht!

Thomas Mann aber wehrt sich gegen die totale Durchsäuerung des Lebens und der Literatur mit Politik, er wappnet sich gegen die „politische Pest“. Dass er damit die Krankheit kommender Jahrzehnte trifft, liegt auf der Hand: Der größte Teil der „Betrachtungen“ entstand 1917, im Jahr der russischen Revolution – das war tatsächlich die Wiederkehr des jakobinischen Tugendterrors.

Als praktizierender Ironiker steht Thomas Mann dem Meinungsdienst reserviert gegenüber. Politik ist für ihn identisch mit festgezurrten Ansichten, Weltverbesserungsdrang und Optimismus. Das Gegenteil also der ästhetizistischen Lebensluft, die ihm selbst behagt: Wagner, Schopenhauer, Nietzsche, Romantik des Todes. Und so viel ist wahr: Tragische Pessimisten möchten wir uns lieber nicht als Kanzler und Minister vorstellen. Von daher ist es begrüßenswert, dass Mann seine Vorlieben als dezidiert „unpolitisch“ definiert.

Viel ist in den „Betrachtungen“ von Literatur, wenig von konkreter Politik die Rede. Während der Zivilisationsliterat etwa den reaktionären Landadel als „Gattung sektsaufender Rüsseltiere“ verspottet, verkündet der Unpolitische: Die „anständigste aller Lebensformen“ sei die des Gutsherrn. Dabei denkt er natürlich nicht an preußische Junker, sondern an Tolstois Lewin. Und wenn er die „Militaristen“ preist, dann versteht er darunter vor allem die wortkargen Leistungsethiker seiner eigenen Werke, Thomas Buddenbrook oder Joachim Ziemßen. Er beschwört sein Bild eines unpolitischen Deutschland, anders als Westeuropa und wie von Eichendorff gedichtet. Die Deutschen seien ein musikalisches, kein räsonierendes Volk. So geht es unermüdlich auf und ab auf der Begriffswippe der Antithesen: „Kultur“ versus „Zivilisation“, „Ironie“ versus „Radikalismus“, „Metaphysik“ versus „Gesellschaftskritik“.

Der eigentliche Souverän der Demokratie ist für Mann das Geld. Von Freiheit und Gleichheit schwärmt man – aber eigentlich geht es um die Entfesselung des Geschäftssinns. Trotzig bekennt sich der „Unpolitische“ zum „unabhängigen“ monarchischen Obrigkeitsstaat; die wölfische Natur des Menschen muss in Schach gehalten werden. Dabei ist er längst selbst innerlich demokratisiert; ein modern gebrochener, kosmopolitischer, intellektueller Autor. Nur wenige Jahre später wird er selbst ein „Engagierter“ sein. Schon vor der Emigration verfasst er 1930 mit der „Deutschen Ansprache“ einen der kämpferischsten Texte gegen den aufkommenden Nationalsozialismus.

Indem Hermann Kurzke, der Herausgeber der Neu-Edition im Rahmen der Großen kommentierten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe, die verborgene Liberalität der „Betrachtungen“ herausstellt, will er ein wildes Buch retten für die gemäßigte Diskurszone. In den 70er Jahren haben die Gegner Manns dessen politisches Engagement ja immer wieder im Rückgriff auf die „Betrachtungen“ diskreditiert. Da hieß es (etwa aus dem Mund Martin Walsers): Nun gut, er hat feine Reden gegen Hitler gehalten, aber in Wahrheit ist er doch immer der großbürgerliche Reaktionär der „Betrachtungen“ geblieben. Dieses „in Wahrheit“ ist eine alte Denkfigur der Ideologiekritik, die Kurzke – ehedem selbst ein 68er – nun gewitzt umdreht: „In Wahrheit“ war Thomas Mann schon in den „Betrachtungen“ auf dem Weg zur Republik.

Tatsächlich war das Buch zu raffiniert, um bei den Nazis auf Sympathien zu stoßen – der ziselierte Stil sorgt für geringe Verwechslungsgefahr mit den plumpen Pamphleten, die seinerzeit kursierten. Dennoch gibt es schwer genießbare Passagen, etwa wenn es darum geht, dem Krieg gute Seiten abzugewinnen. Dass körperliche Leiden mit seelischer Verfeinerung einhergehen, ist eine der Lieblingsideen Thomas Manns seit Hanno Buddenbrook, und er überträgt sie sehr forciert auch auf den Schützengrabenhorror – der Krieg veredele den Mann, die Todesnähe steigere das Lebensgefühl, und außerdem gebe es ja hervorragende Prothesen.

Zum rhetorischen Charakter kommt die Gemachtheit der Montage. Die Helene-Hegemann-Liste der plagiierten Passagen ist eine Kleinigkeit gegen die 600 Seiten von Kurzkes Stellenkommentar: rund 4000 Zitate, die meisten davon durchaus nicht im Text ausgewiesen, hat er mit geradezu erschreckendem Fleiß identifiziert. Die Kunst des „höheren Abschreibens“, mit der im „Zauberberg“, im „Doktor Faustus“ oder in den Josephsromanen Gelehrsamkeit inszeniert wird – in den „Betrachtungen“ wurde sie bereits zum Exzess getrieben.

So wie mancher „Axolotl Roadkill“ nun erst recht anzustaunen behauptet, wo es sich nicht um einen porentief authentischen Report aus den jugendlichen Wildreservaten Berlins handelt, sondern um eine Collage aus dem Geist der posturheberrechtlichen Zukunft, so hat auch Kurzkes Bewunderung der „Betrachtungen“ eine Menge damit zu tun, dass sie sich bei genauem Hinsehen als raffiniertes Zitatkunstwerk erweisen, wo nichts ganz wörtlich zu nehmen ist. Helene Hegemann war nicht im Berghain, und Thomas Mann war nicht im Parlament. Er war kein Harry Graf Kessler, der mit den Mächtigen auf vertrautem Fuß verkehrte, das wurde er erst in der Emigration. Weil er seiner eigenen Stimme nicht trauen konnte, weil er sich in den politischen und ideengeschichtlichen Hintergründen nicht gut auskannte, war er auf den Geleitzug der Zitate angewiesen.

Es widerspricht nicht der auffallenden Humorlosigkeit der „Betrachtungen“, wenn man in der Zitattechnik eine objektive Ironie erkennt: dass ein Schriftsteller in Kriegszeiten gestählte Haltung bekennen will, und sich dann – als Dirigent eines gewaltigen Stimmenorchesters – hinter lauter fremden Tönen verschanzt.

Nicht zuletzt sind die „Betrachtungen“ ein großes Dokument ihrer Zeit. Heute gilt die parlamentarische Demokratie als selbstverständliche Errungenschaft. Warum war sie das für viele kluge Köpfe nicht um 1920? Thomas Manns Aversion war immerhin so groß, dass der hartnäckige Villenbewohner in den Wirren nach 1918 sogar kurz mit bolschewistischen Räten sympathisierte: Alles, nur keine französischen Verhältnisse.

Man kann sich fragen, ob den Argumenten des „Unpolitischen“ inzwischen nicht hinterrücks neue Geltung zugewachsen ist. Die westlichen Prinzipien von freier Meinungsäußerung und parteipolitischer Vielfalt sind derzeit einer globalen Erosion ausgesetzt; die Menschen in den „Entwicklungsländern“ lechzen offenbar nicht in gewünschtem Maß nach der hiesigen Streitkultur. Wie auch immer: Kein anderes Buch hat den politisierenden Intellektuellen in seinen „Tugendposen“ – und da kann man auch an jüngere Verkörperungen wie Günter Grass denken – je so hintergründig vorgeführt.

Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen. Hg. und kommentiert von Hermann Kurzke. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2010. Text- und Kommentarband, zus. 1430 Seiten, 80 €.

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