Kultur : Tief in der Szene

Martin Langebach und Andreas Speit haben sich auf die Suche nach Europas Rechte gemacht.

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Driftet Europa im Zuge der Krise nach radikal-rechts? Sind die Entwicklungen etwa in Griechenland und Ungarn Vorboten eines neuen, bewegungsförmigen Faschismus? Oder ist es wie im Fall der NSU in Deutschland oder von Anders Behring Breivik eine neue Form des Kleinzellterrorismus, die die liberalen Demokratien Europas attackiert?

Diese Fragen haben zwei Journalisten „vor Ort“ recherchiert. Martin Langebach und Andreas Speit waren fast ein Jahr lang, von Februar bis Dezember 2012, unterwegs, auf Wahlkampfveranstaltungen, Kundgebungen, in Parlamentssitzungen und generell auf der Straße. Verdienst gebührt ihnen durch die Breite der bereisten Länder, von Skandinavien über Griechenland nach Tschechien. Die Autoren wollen Licht in das Dunkel der radikalen Rechten bringen, die aber seit längerer Zeit im Fokus vieler, auch fundierter Veröffentlichungen steht. Ihr Ziel ist es, aufzurütteln, dabei Verbindungen und Vernetzungen des Spektrums aufzuzeigen. Gerade in Deutschland ist man aufgrund der Schatten der Vergangenheit besonders alarmiert. Wie schwierig die Auseinandersetzung mit dem Thema ist, zeigen die Dauerdebatte um das NPD-Verbot sowie aktuell der NSU-Prozess deutlich. Offenbar wurden hier Versäumnisse, gar Pannen der Sicherheitsbehörden.

Es geht im Buch aber vor allem um die Zivilgesellschaft. Wenn diese schwach ist, entsteht den Autoren zufolge ein Einfallstor für die radikale Rechte. Deutlich wird hier eine journalistische, keine streng wissenschaftliche Herangehensweise. Die beiden Autoren tauchen tief in die Szene fern des akademischen Elfenbeinturms ein. Der flott geschriebene Erlebnisbericht leidet aber an begrifflichen Unsauberkeiten. So ist von Sinti und Roma im osteuropäischen Raum die Rede, obwohl die Sinti speziell die in Deutschland lebende Untergruppe der Roma bildet. Wer den Autoren Glauben schenkt, sieht länderübergreifend die Alarmglocken schrillen. Mit Ausnahme Ungarns bildet die subkulturelle Szene aber keine Massenbewegung, sondern verfügt meist nur über wenige hundert und selten über mehr als tausend Anhänger. Auf der europäischen Ebene gibt es auch keinen Zusammenschluss in Form einer radikalen Internationalen. Zuletzt scheiterte 2007 der Versuch, eine Fraktion unter der extremen Rechten zu bilden, an den Unterschieden zwischen den Gruppierungen in West- und Osteuropa. In Deutschland siecht die NPD vor sich hin, personell, strategisch und finanziell geschwächt.

Gleichwohl ist die neue Dynamik innerhalb der radikalen Rechten ernst zu nehmen, wie das Buch anhand eindringlicher Beispiele aufzeigt. Mit Rockkonzerten oder Straßenfesten zeigt sie sich volksnah wie traditionsbewusst und findet auch durch die bewusst gezeigte Unverfänglichkeit Anklang. Besonders die Entwicklungen in Griechenland und Ungarn, wo Faschismus im Zuge der Staats- und Wirtschaftskrise gedeiht, geben Anlass zur Sorge. Dass es innerhalb Europas Gebiete gibt, wo sich Menschen wegen ihrer Herkunft, Rasse oder politischen Einstellung nicht frei bewegen können, dass militante Gruppierungen mitunter aufmarschieren und gegen Roma und andere Minderheiten hetzen, schmälert die Erfolgsbilanz der Demokratie in Europa. Offenbar setzen sich der demokratische Verfassungsstaat und die Zivilgesellschaft nicht ausreichend zur Wehr. Dennoch besteht kein Zweifel, dass die aufgeklärten Bevölkerungsmehrheiten in Europa totalitäre Ideologien ablehnen und aus der Vergangenheit ihre Lehren gezogen haben. Dieser wichtige Aspekt kommt im ansonsten durchaus empfehlenswerten Buch eindeutig zu kurz. Florian Hartleb



– Martin Langebach, Andreas Speit:
Europas radikale Rechte. Bewegungen und Parteien auf Straßen und in Parlamenten. Orell Füssli Verlag, Zürich 2013. 287 Seiten, 21,95 Euro.

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