Tierschutz in Gedichtform : Vom Wert des Lebens

Ethik und Poesie: der Gedichtband „Anstelle einer Unterwerfung“ von Maria-Daria Cojocaru.

Alexandru Bulucz
Die Folgen von Tschernobyl. Mehr als 30 Jahre nach der Atomkatastrophe sind noch immer viele Wildschweine in Tschechien radioaktiv verseucht.
Die Folgen von Tschernobyl. Mehr als 30 Jahre nach der Atomkatastrophe sind noch immer viele Wildschweine in Tschechien radioaktiv...Foto: dpa

Auf Rumänisch heißt Kürschner „Cojocar“, und die Pelze, die er aus Schaf- oder Lammfell herstellt, „Cojoace“. Für die 1980 in Hamburg geborene Mara-Daria Cojocaru gibt es offenbar kaum etwas Fragwürdigeres als Kürschnerware. „Wie riecht so ein frisch/abgezogenes Fell“, fragt sie in ihrem zweiten Gedichtband „Anstelle einer Unterwerfung“.

Ihre tierethische Dichtung verweist – schon die Kapitelgliederung in „Vorwort“, „Neue Biomstudien“, „Appendix“ und „Nachweise“ legt es nahe – auch auf wissenschaftliche Studien und auf ihr eigenes Themenfeld als Dozentin für praktische Philosophie an der jesuitischen Hochschule für Philosophie in München. Warum also zu ihrer Dichtung und nicht zu Sachbüchern greifen?

Cojocarus lyrisches Ich ist nie außenstehender Beobachter. Es ist immer mittendrin in einer Gemengelage von Mensch und Tier. Mit bisweilen hochschlagendem ethischen Pathos lässt es sich von der Annahme leiten, dass stilistische Nüchternheit und Distanz zum Gegenstand ungeeignet sind, die Erkenntnisse der Ökosozialforschung zu verhandeln oder für sie einzutreten. Hie und da droht das ins Besserwisserische zu kippen, was allerdings zu verschmerzen ist angesichts einer der Aufklärung verpflichteten Lyrik, die nicht umhinkommt, auch fremd- und fachsprachliche Mitteilungslyrik zu sein.

Cojocaru will sich nicht „angenehm“ artikulieren. Vielmehr bewegt sie sich im Feld des poetischen Aktivismus, wo ihre Lyrik zukunftsweisend ist. Dort hat sie Teil an der Tierrechtsbewegung, also weniger an dem, was ist, als an dem, was sein soll. Dadurch steht sie dem aristotelischen Begriff der praktischen Philosophie näher als dem kantischen.

Diese Zusammenhänge knüpft sie an die „Causa Goselmanu“. Mit der fiktiven Figur des Herrn Goselmanu, von Beruf Forscher, beginnt und schließt der Band. Goselmanu bildet den erzählerischen Faden der Gedichte. Seine rätselhafte Geschichte endet mit einer stenografierten Anhörung im „Parlament der Eulen“. Wer ist Herr Goselmanu, dessen „Tu doch nicht so, als sei in Wirklichkeit nicht genug schon passiert“ dem Band das Motto gibt? Es liest sich wie die späte, aber gerade noch rechtzeitige Einsicht eines „Experimentators“, dem Tierethik zuvor nicht am Herzen lag.

Mara-Daria Cojocaru hat Vergnügen am Wort- und Klangspiel

Vielschichtig schillernd, ist Goselmanu sowohl innerer Dämon des lyrischen Ichs als auch eine Art Wiedergänger historischer Figuren wie Charles Darwin oder des Aufklärungsdichters Barthold Heinrich Brockes. Dessen Dichtung „Die kleine Fliege“ endet mit den Zeilen: „Hast du also, kleine Fliege,/Da ich mich an dir vergnüge,/Selbst zur Gottheit mich geleitet.“ Natürlich, zwischen Brockes und Cojocaru liegen Jahrhunderte der Säkularisierung. Cojocaru macht nicht mit Gott, sondern „mit/den Gottesanbeterinnen/gemeinsame Sache“. Aber auch ihren Gedichten haftet etwas Spätbarockes im Übergang zur Aufklärung an, eine analytische Naturbetrachtung aus der lustvollen Fülle sprachlicher Kombinationsmöglichkeiten. Auch sie – und mit ihr der Leser – hat Vergnügen an Fliegen und anderen Tieren, an der detaillierten Beschreibung, am Wort- und Klangspiel, am Sprachschabernack überhaupt: „In meinem Rabenschnabel (…) Schabernack“, „Der Barschnachbar schnarcht“ lauten zwei assonierende Zungenbrecher. Der Artenvielfalt entspricht die Sprachvarietät.

Vermeintliche Kuscheltiere auf dem Titel des Gedichtbandes von Mara-Daria Cojocaru: "Anstelle einer Unterwerfung".
Vermeintliche Kuscheltiere auf dem Titel des Gedichtbandes von Mara-Daria Cojocaru: "Anstelle einer Unterwerfung".Foto: Verlag

Mit „Murmuration“, einem wie in murmelndem Beichtton geschriebenen Gedicht über Formationsflüge von Starenschwärmen, schafft sich Cojocaru eine surrealistisch-halluzinatorische Wahrnehmungsplattform an der Schwelle von Traum und Morgen: „diese/Kritikalität. Man verspottet unser Augenreiben mit zwei/autonom schwingenden Membranen. Alles andere/blieb, hypnopompisch, flügellose Schwärmerei“. Um die „Grenzen/des Begreifens“ geht es ihr, vielleicht sogar um eine Nivellierung der Unterschiede zwischen Mensch und Tier zugunsten eines gerechteren Umgangs mit allen Lebewesen. „Es ist das/alte Halsband Angst, nicht Mensch, nicht/Tier zu sein.“ Und wohl auch darum, diese Angst abzulegen. Dieses Weder-Mensch-noch- Tier oder Sowohl-Mensch-als-auch-Tier bezeichnet sie als „Gedankenwedeln“, als „Schwanz/wedeln an der Schwelle des Bewusstseins“. Es tritt an die Stelle des sich Objekte unterwerfenden Subjekts, „anstelle einer Unterwerfung“. Die US-Philosophin Donna Haraway hat dafür den Begriff „Gefährten-Spezies“ geprägt.

Auf die Verantwortung des Einzelnen kommt es an

Eines der stärksten Gedichte des Bandes, „Epitaph für das durchsichtige Florfliegenmännchen“, verhandelt nicht mehr Menschen oder Tiere, sondern den Wert des Lebens schlechthin. Kann Töten je gerechtfertigt sein, aus „lachhafter Gnade“? Für Gattungen, Arten und Artunterschiede hat das Ich nur ein „was weiß ich“ übrig: „Und wie ich hier sitze, jede Möglichkeit theoretisch/studierend, kommt dieser Käfer, Falter, was weiß ich /Flügeltier zu mir“. Dann: „Zum Sterben gekommen. Ich/muss was tun.“ Auf die Verantwortung des Einzelnen und die Folgen menschlichen Handelns kommt es an.

Nirgends wird das katastrophale Einwirken auf die Natur suggestiver dargestellt als im Bild vom „Bläuling, rund um Fukushima“ und von der „Fauna und Flora in Pripyat“ nach der Tschernobyl-Havarie. Aber wie wir wissen, ist die Erde ein System der Selbstheilung und -erneuerung. Sie nimmt alles in sich auf und lässt es zu neuen Paradigmen mutieren. Auch Plastik. Dass dieses System weder bestraft noch belohnt noch verurteilt, weiß Cojocaru. Es sind die Menschen, die einander bestrafen, belohnen und verurteilen. Dabei sind „wir ja auch nur Mutanten“.

Nicht ganz überzeugen kann der Band formal. Das Gedicht „Nachtrag“, das sein eigenes „Gemüt“ als „stabile Strophenlage“ beschreibt, macht selbstreferenziell darauf aufmerksam. Es gibt diverse Strophenformen, doch im Einzelnen wirken sie oft mehr zufällig gesetzt als aus einem konsequenten Versverständnis heraus. Hinzu kommt die Überfrachtung des Bandes in Selbstähnlichkeit. Eine deutliche Kürzung hätte hier gutgetan. Wer aber den Mut aufbringt, die Literatur derart eindringlich und zugleich voller Sprachlust an ihre Pflichten, an die Krise der Ethik im 21. Jahrhundert und an die potenzielle Rolle der Kunst bei der Wiederherstellung eines ethischen Wertesystems zu erinnern, sollte unbedingt gelesen werden.

Mara-Daria Cojocaru: Anstelle einer Unterwerfung. Gedichte. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2016, 176 S., 20 Euro

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