Tinariwen im Heimathafen Neukölln : Gitarren sind besser als Waffen

Erdige schlichte Klänge und die majestätische Schönheit der Wüste: Das Berliner Konzert der Tuareg-Band Tinariwen.

Volker Lüke
Durch die Wüste. Tinariwen.
Durch die Wüste. Tinariwen.Foto: promo

Als Tinariwen erstmals international für Aufsehen sorgten, faszinierte auch das Aussehen dieser Tuareg-Band: Mit ihren Turbanen und verschleierten Gesichtern wirkten die Musiker, als hätten sie eben noch mit ihren Kamelen am Lagerfeuer vor einer Dünenlandschaft gesessen, über ihnen der leuchtende Wüstenhimmel.

Dabei sind Tinariwen gar keine Folkloretruppe. Sie spielen genuine Popmusik, die den nordmalischen Gitarrenstil von Afro-Blues-Legende Ali Farka Touré mit Einflüssen amerikanischer Rockmusik zusammenbringt. Seit 1982 besteht das Bündnis dieser ehemaligen Tuareg-Rebellen, die vor 20 Jahren ihre Kalaschnikows gegen Stromgitarren eintauschten und doch bis heute auf die versprochene Autonomie warten. Gegen das Schreckensbild einer kommerzialisierten Wüstenromantik setzen sie erdige, schlichte Klänge.

Tinariwens Musik symbolisiert den drohenden Untergang einer einzigartigen Kultur – und hält zugleich den Traum von einer besseren Welt am Leben. Das ihr Freiheitskampf keine Pose ist, sondern gelebte Realität, zeigt allein schon der ergraute, von 19 Schusswunden gezeichnete Bandgründer Ibrahim Ag Alhabib, der im rappelvollen Heimathafen Neukölln begeistert empfangen wird. Die Musik der Band jedoch klingt überhaupt nicht kriegerisch. Voller Melancholie reflektieren die Nomadenrocker ihre Sehnsucht nach einer Heimat, die es so nicht mehr gibt, laden ein zur Teezeremonie und erzählen in ihrer Stammessprache Tamaschek Geschichten über das beschwerliche Leben in der Wüste oder preisen deren majestätische Schönheit.

Hypnotischer Groove, repetetive Muster

Ihr neues Album „Elwan" wurde zum Teil im Studio der kalifornischen Desert-Rocker Queens Of The Stone Age eingespielt und klingt so überraschend wie ein neues Album von ZZ Top. Die Fangemeinde ist dementsprechend treu. Zwei Songs, die einen hypnotischen Groove entfachen, reichen, um das Publikum für den Rest des Abends zum Tanzen zu bringen. In der Folge kreisen die Stücke der Band in repetitiven Mustern über wenig Akkorde. Das wirkt archaisch, und auch die tranceartigen Call-&-Response-Gesänge klingen bisweilen, als seien sie direkt dem Wüstenwind entrissen. Fast meint man, einen unverstellten Blick in die Seele eines ganzen Volkes werfen zu können, wenn sich zum Klang der Djembetrommel wehmütige Bluesriffs und dunkel rollende Basslinien zu einer entspannt flirrenden Schaukelmusik fügen. Tinariwen verkörpern eine Lebensphilosophie, die sich traditionell durch Herzlichkeit und ein alle Barrieren einreißendes Mitgefühl auszeichnet. Nichts könnte wertvoller sein in einer Zeit, in der die Welt Kopf steht und sich die Menschen vermehrt nationalistisch abschotten.

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