Kultur : Tipps: Immer wieder Sonntags

Renée Zucker

"Wieso liest du eigentlich immer die Zeitung von hinten?", frage ich Elzie gereizt, weil es mich nervös macht, wenn sie verkehrtherum blättert. Verdutzt starrt sie mich an. "Bist du etwa auch eine von denen, die beim Essen das, was sie am leckersten finden, immer bis zum Schluss auf dem Teller lassen?" "Und du bist vermutlich eine von den Gierigen, die das sofort zuerst runterschlingen", murre ich, weiß aber jetzt immerhin, dass Elzie die letzten Seiten liebt. "Wenn ich Redakteur wäre, würde ich nur die letzte Seite machen", sagt Elzie verträumt. "Ich würde nur Bilder und Artikel bringen über Schlamm- und Geröllmassen in Italien, Bangladesh oder Mosambik; über einen Handwerksmeister, der seine Frau mit einer Black-und-Decker durchbohrt hat, oder über Jugendstrafen auf Bewährung für 20-jährige KZ-Gedenkstätten-Beschmierer."

Elzie ist nicht mehr aufzuhalten, sie gestaltet eine letzte Seite, die dem Leser garantiert eine prima Depression verschafft. "Damit es aber nicht so auffällt, dass ich gerade selbst schlecht drauf bin", fährt sie fort, "drücke ich an den Rand was über ein Spice Girl oder das abgestillte Baby eines Spice Girls, einen Diana-Sohn, der für ein Spice Girl schwärmt, oder über das Kleid, das seine Oma beim Papstbesuch anhatte und wie das bei den Spice Girls ankam."

Ich nutze die Pause, die Elzie zum Atemholen braucht. "Du hast Recht", sage ich, "gerade die kleinen Dinger am Rand der letzten Seite sind die interessantesten in der Zeitung. Für die sind sich die anderen Seiten zu fein. Wie zum Beispiel diese hier von dem Behinderten-Hund." "Was fehlte ihm denn?", erkundigt sich Elzie mitfühlend. "Nein", verbessere ich mich, "ein Hund für Behinderte - du weißt schon, diese Hunde, die den Rollstuhlfahrern den Schlüssel bringen, die Tür aufmachen und die Zeitung holen." Schon unterbricht sie mich wieder. "Ist dir eigentlich aufgefallen, dass man bei Berichten über diese Hunde nie sieht, dass sie den Schlüssel auch wieder dahin legen, wo er hingehört, dass sie die Tür beim Rausgehen schließen oder die Zeitung nach Lektüre in den Papiercontainer tun? Ist doch komisch, oder?" "Mann Elzie!", fauche ich meine Freundin an, "ist doch jetzt egal, hier steht, dass dieser Behinderten-Hund in der Lage ist, innerhalb der Familie die Post zu verteilen. Die Besitzerin des Hundes glaubt, dass der Hund von der Länge der Namen auf den Kuverts auf die Adressaten schließt."

Elzie schüttelt den Kopf. "So ein Quatsch. Unser dösiger Hund erkennt uns noch nicht mal auf zehn Meter Entfernung auf der Straße, wenn wir ihn nicht ansprechen. Er würde jederzeit in ein fremdes Auto einsteigen, und ein lächerlicher Briefumschlag interessiert ihn nicht die Bohne, wenn nicht zufällig ein fünf Wochen alter Fisch drin liegt." Auf einmal ist Elzie gar nicht mehr begeistert von ihrer vermischten Seite: "Da kannst du mal sehen, was Zeitungen auf den letzten Seiten lügen." "Wahrscheinlich kommt der Hund aus Harry-Potter-Land", versuche ich, sie zu besänftigen. "Richtig", sagt Elzie beleidigt, "und letztes Jahr ist er dreimaliger Sieger im Quidditch geworden." In Zukunft, nimmt sie sich vor, will sie nur noch die Leserbriefseiten lesen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar