Kultur : Todesbengel

Forum (1): „Dealer“ von Benedek Fliegauf

Hans-Jörg Rother

Welchen prägenden Einfluss der Ungar Béla Tarr in seiner Heimat ausübt, erkennt man an den Nachahmern: Benedek Fliegauf, Jahrgang 1974, gilt derzeit als Tarrs erfolgreichster Schüler im eigenen Land. Vor einem Jahr gewann er mit dem Debüt „Rengetek“ („Wildnis") den Wolfgang-Staudte- Preis des Forums. 2004 schaffte er, zum Neid nicht minder begabter ungarischer Kollegen, mit „Dealer“ erneut den Sprung nach Berlin.

Der Film hält, was der Titel verspricht: In zweiundeinhalb Stunden wird der letzte Lebenstag eines jungen Drogenhändlers ausgebreitet. Mit dem Fahrrad fährt er von Kunde zu Kunde. Er findet sich in einer Elendsszene nach der anderen, und dabei wird ihm selbst ganz elendig zumute. Denn schließlich war er es, der die Frauen und Männer süchtig machte. Die düsteren Bilder spiegeln die innere Verfassung dieses Antihelden, im Sinne der Regie wohl auch den Zustand der Welt. Gleißend helles Licht kommt dagegen aus dem Sonnenbräunungsapparat, in den sich der Namenlose zum Sterben legt. Kein schöner Tod, aber ein Zeichen.

Just nach der ersten Vorstellung von „Dealer“ lud die ungarische Botschaft zu einem Empfang, bei dem man die Grundzüge eines neuen Filmgesetzes erläuterte. Es tritt am 1. April des Jahres in Kraft und räumt in- wie ausländischen Produzenten, Koproduzenten und Sponsoren erhebliche Steuervorteile ein. Auch die Summe der jährlichen Zuwendungen des Staates soll bedeutend erhöht werden. „Herausragende Persönlichkeiten“ des ungarischen Films werden an die Spitze eines nationalen Filmzentrums berufen, das dann über die Vergabe der Mittel entscheidet. Damit wird zum einen Praxis, wogegen vor drei Jahren viele junge Regisseure Sturm liefen, weil sie sich nicht gern von den alten Herren dominieren lassen wollen. Zum anderen erinnert das Modell an die Dreißigerjahre, als die Budapester Studios eine billige Produktionsstätte für westeuropäische Kinounterhaltung abgaben. Wenn Hollywood kürzlich in Rumänien produzierte (den Berlinale-Eröffnungsfilm „Cold Montain“), warum nicht demnächst auch in Budapest? Von Filmkunst war bei dieser Erläuterung der Geschäftsbedingungen nicht die Rede. Aber ein Film wie „Dealer“ kostet ja auch nicht viel.

Heute 14 Uhr (Babylon), morgen 17 Uhr (Cinestar 8)

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