Kultur : Todesbereit

Eine Ausstellung in Potsdam über Kleist und die Nazis

Martin Ernst
Der Selbstgerechte. Umschlag einer Soldatenausgabe von Kleists „Michael Kohlhaas“ von 1942. Foto: Kleist-Museum, Frankfurt/Oder
Der Selbstgerechte. Umschlag einer Soldatenausgabe von Kleists „Michael Kohlhaas“ von 1942. Foto: Kleist-Museum, Frankfurt/Oder

„Was für ein Kerl ist doch dieser Kleist gewesen!“, schrieb Joseph Goebbels 1941 anlässlich einer Aufführung des „Prinz von Homburg“ in sein Tagebuch. Vor allem der Schlusssatz des Stücks („In den Staub mit allen Feinden Brandenburgs“) wird dem Nazi-Propagandaminister gefallen und ihn zur Fehlinterpretation angeregt haben – wie so vieles im ambivalenten Werk des Dichters. Die Tafelausstellung „Heinrich von Kleist im Dritten Reich“, zu sehen im Truman-Haus der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam, illustriert anhand zahlreicher abgedruckter Zeitdokumente Ausmaß und Wahn der systematischen Inanspruchnahme Kleists durch die Nationalsozialisten (Karl-Marx-Str. 2, noch bis 16.10., Mo–Fr 17–19 Uhr, Sa./So. 10 - 18 Uhr).

Ob Michael Kohlhaas’ Kampf um das individuelle Recht, der patriotische Antinapoleonismus der „Hermannsschlacht“ oder die unbedingte Todesbereitschaft des Prinzen von Homburg: Kaum eine der politischen Allegorien Kleists blieb von der Instrumentalisierung verschont. Filmplakate aus der Zeit dokumentieren die pathetische Aufbereitung. Wie eng propagandistischer Missbrauch und NS-Politik beieinanderlagen, zeigt die zeitliche Nähe der Uraufführung von Paul von Klenaus Kohlhaas-Oper und Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund 1933. Verweigerte sich der Stoff dem ideologischen Zugriff, wurde er anderweitig nutzbar gemacht. Wie im Fall des „Zerbrochenen Kruges“. Aufgeführt von einem Wandertheater, begleitete die Komödie den Bau der Reichsautobahn, reiste ab 1936 zwischen den verschiedenen Baulagern umher. Bühnenskizzen und Fotos zeigen, wie Kunst fürs Volk ganz im Sinne der kulturpolitischen Forderungen des Führers gemacht wurde.

Interessant auch die Frage, was aus Leni Riefenstahls geplanter Verfilmung der „Penthesilea“ geworden wäre. Die Regisseurin selbst wollte die Amazonenkönigin spielen, die ihren Geliebten Achill bestialisch ermordet. Nach Kriegsausbruch wurde das Projekt, das nur unter freiem Himmel auf Sylt und in der libyschen Wüste gedreht werden sollte, nicht mehr realisiert. Martin Ernst

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