Kultur : Töte deine Glotze

„Politics of Fun“: Das Berliner Haus der Kulturen der Welt präsentiert Künstler aus Südostasien

Ulrich Clewing

Wer sich der Ausstellung „Politics of Fun“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt nähert, sollte sich – grob gerafft – folgendes vergegenwärtigen: Südostasien ist nicht nur eine buddhistisch, sondern auch stark islamisch geprägte Region. Indonesien und Malaysia sind muslimische Staaten, und auch in Thailand oder Singapur finden sich islamische Bevölkerungsteile. Und: Viele Staaten wurden in den vergangenen hundert Jahren zunächst kolonial, dann diktatorisch regiert. Erst in letzter Zeit gibt es Anzeichen politischer und kultureller Lockerung, die dazu beitragen, dass sich der Einzelne aus der Umklammerung der Verordnungen von oben lösen kann. Jahrhunderte alte Traditionen, die Erfahrung von Fremdherrschaft und Restriktion, die angespannte aktuelle Lage: Alles zusammen markiert die Koordinaten jenes Denksystems, innerhalb dessen die Arbeiten der beiteiligten Künstlerinnen und Künstler erst lesbar werden.

Auf den ersten Blick sieht das Ganze verspielt, bunt, komisch, auch kitschig aus – wie man es halt erwartet vom quietschenden Asien-Pop. Da fahren Spielzeug-Eisenbahnen lustig immer im Kreis herum, auf Fernsehbildschirmen sieht man schräge Typen in noch schrägeren Outfits – und wie sie ihre Synthie-Schlager zum Besten geben. Formal strenge, eher konzeptuell angelegte Werke finden sich hier selten, aber immerhin, sie sind vorhanden. Insgesamt 19 Fotografen und Bildhauer, Videofilmer, Installationskünstler und Maler sind bei „Politics of Fun“ vertreten; dabei ist die Ausstellung auch nur ein – wenngleich sehr präsenter – Teil des übergeordneten Südostasien-Festivals „Räume und Schatten“, das derzeit im Haus der Kulturen der Welt stattfindet.

Doch der flüchtige Eindruck täuscht darüber hinweg, dass es sich fast ausschließlich um ziemlich brisante Inhalte handelt. Dabei unterscheiden sich die Fragen, die die Künstler aufwerfen, gar nicht einmal so sehr von denen ihrer westlichen Kollegen. Es ist nur so, dass Kategorien wie individuelle Identität oder wirtschaftliche Abhängigkeit in Ländern, in denen die Identität kollektiv und die Wirtschaft gefälligst tabu zu sein haben, eine ganz andere Bedeutung haben. Und so enthalten die Performances einer Künstlergruppe wie KYTV („Kill your Television“) aus Singapur eben mehr Hintersinn als die reine Subversion à la Christoph Schlingensief.

In einer Gesellschaft, in der das staatliche Fernsehen integraler Bestandteil einer allgegenwärtigen Einlullungsstrategie ist, bedeutet die Aufforderung „Abschalten und Selbermachen“ Hilfe zur Selbsthilfe. An einem Wochenende Mitte Oktober werden die Mitglieder von KYTV in Berlin vor Ort mit ihrem Publikum den „sad song“ proben, den „happy song“ und was sie sonst noch im Angebot haben – und wollen so jedem sein eigenes Musikvideo ermöglichen. Wer sich dafür interessiert, sollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen (am 14. und 15. Oktober, jeweils um 11 und 16 Uhr).

Mit dem Spannungsfeld zwischen Individuum und entindividualisierter Masse beschäftigt sich auch die in New York wohnende Malerin Su-en Wong, 32, uresprünglich ebenfalls aus Singapur. „Gentleman’s Gray“ nennt sich die Serie von großformatigen Gemälden, mit der Wong zeigt, wie nahe sexuelle Fantasien und Beliebigkeit beieinander liegen.

Obwohl einige der „Politics of Fun“-Künstler, etwa Araya Rasdjarmrearn-Sook aus Thailand (Venedig-Biennale) oder Rikrit Tiravanija, zu den Etablierten der Kunstszene gehören, sind die meisten anderen hierzulande zu Unrecht noch völlig unbekannt. Von dem jüngsten Künstler der Schau, dem 1977 in Yogyakarta in Indonesien geborenen Eko Nugroho, stammen die Wandmalereien der Videolounge „Living Room“ in der Eingangshalle des Haus der Kulturen der Welt: Seine an Comics und zeitgenössische Illustrationen angelehnten Bild/Text-Zeichnungen sind unterhaltsam und gleichzeitig extrem kritisch gegenüber den herrschenden weltpolitischen Verhältnissen.

Ähnliches gilt für die Videoinstallation „Ghost of Asia“ von Apichatpong Weerasethakul aus Thailand und der Französin Christine Lheureux: Darin kann man einen jungen Mann dabei beobachten, wie er unablässig von einer glücksverheißenden Tätigkeit zur nächsten getrieben wird. Nur dass die Stimmen, die ihm die Anweisungen geben, Kinderstimmen sind und keine aus den Propaganda-Lautsprechern des Regimes. Ergreifend auch die Arbeit von Araya Rasdjarmrearn-Sook. Die Künstlerin, Jahrgang 1957, hat sich gefilmt, während sie in einem Krankenhaus jüngst Verstorbenen Vorträge über das Sterben hält.

Die Leichname, der Ernst der Rede, das minimalistische, ästhetische Ambiente summieren sich zu einer fast anstößig offenen Konfrontation mit dem Tod – eines der beeindruckendsten Werke der gesamten Ausstellung.

Haus der Kulturen der Welt, Di-So 12-20 Uhr, Katalog 28 Euro, weitere Informationen: www.hkw.de

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