Kultur : Toitschtümeln geht anders

Hebbel goes Pop: Dieter Wedel inszeniert „Die Nibelungen – Born to die“ für das Wormser Sommertheater.

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Helden wie sie. Vinzenz „Siegfried“ Kiefer und Cosma „Kriemhild“ Hagen. Foto: dpa Foto: dpa
Helden wie sie. Vinzenz „Siegfried“ Kiefer und Cosma „Kriemhild“ Hagen. Foto: dpaFoto: dpa

Westseite des Wormser Doms, außen, Nacht – umgeben von König Gunther und seinen Mannen fällt Hagen Tronje den jungen Siegfried von hinten an und stößt ihm unter den grollenden Trommelschlägen eines Perkussionisten den Speer zwischen die Rippen. Auf den Häuptern der Nibelungen, Siegfrieds gelenkiger Entourage, zittern die goldfarbenen Hellebarden, als würden Tänzer eines Chichi-Nachtclubs entsetzt verharren. In rotes Licht getaucht, palavert der junge Recke noch im Sterben edel fluchend weiter: „Alles ist für euch dahin, die Ehre/der Ruhm, der Adel, alles hin, wie ich!“

„Born to die“ betitelt Dieter Wedel seine Neuinszenierung des ausladenden Nibelungen-Dramas von Friedrich Hebbel, die am Freitag die Saison der Nibelungen-Festspiele in Worms einläutete. Drei Wochen lang zieht das Spektakel zu Füßen des mittelalterlichen Doms allabendlich über tausend Zuschauer auf die steil aufragenden Tribünensitze.

Der Blick fällt hinunter auf das romanische Kirchengemäuer, die karge Szenerie im ausladenden Breitwandformat und den seitlichen Unterstand für den ausgezeichneten Live-Drummer. Die Akteure stapfen düster schwergängig über die extra angekarrte fette Erde, die Mannen um Gunther und Hagen in langen Pelzmänteln, Winterzylinder oder Irokesen-Frisur. Nur die munter choreografierten Schwertschwünge der Nibelungentänzer verraten das Vorbild flott geschnittener Leinwand-Kämpfe – hier ist nichts tümelnd grübelnd toitsch, sondern lost in Fantasy. Ein Bretterboden markiert den burgundischen Palast, der vor anderthalbtausend Jahren just im selben Areal gestanden haben soll. Ein Turm aus Holzgebälk deutet fern den Ausguck der Frauen am Hof an.

Michael Kissel, der Oberbürgermeister, sagt beim kulinarischen Vorspiel des Abends jovial überzeugt, dass das Nibelungenlied ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt Worms sei. Und meint damit: Der finanzielle Aufwand für das Spektakel rund ums Jahr, auch der zeitweilige, nicht von allen Bürgern geschätzte Kampflärm mitten im Städtchen, lohne sich – für eines der größten Kulturereignisse in Rheinland-Pfalz.

Unter solchem Stern hat der für seine Fernseh-Mehrteiler berühmte Regisseur Dieter Wedel in den zwölf Jahren seiner Intendanz versucht, massenkompatible Unterhaltung, Theater, wenn möglich auch Aufklärung in ein Paket zu schnüren. So eröffnete er 2002 mit einer Nibelungen-Bearbeitung von Moritz Rinke, überließ unter anderem der Regisseurin Karin Beier die Bühne und stellte in den vergangenen beiden Jahren ein Stück über die umstrittene historische Figur des Jud Süß in einer Bearbeitung von Joshua Sobol in den Mittelpunkt.

Nun also gibt es eine Pop-Variante des namengebenden Nibelungen-Stoffs, eine Kurzfassung der ausladenden Tragödie von Friedrich Hebbel. Relativ dicht am Text ist sie, rabiat verkürzt auf die beiden Teile bis zu Siegfrieds Tod.

Warum sollte der alte Stoff um Männerstolz und Frauenrache ein Publikum anziehen, das mit ähnlichen Erwartungen nach Worms strömt wie zu den Karl- May- und Störtebeker-Events landauf, landab? Dieter Wedel, der seine Lust aufs Abgucken bei saftigen Blockbustern nie bestritten hat, versetzt den Plot in die virtuelle Welt kämpfender Machos und machtbewusster Königinnen, wie sie im Popcorn-Kino immer neu variiert werden. Hätte es eine friedlichere Lösung für den Sagenstoff geben können, mit einer völlig neuen Drehung nur durch Details in Dialog und Denke? Und hätte Betrug, Verrat, Vergewaltigung bis zum Mord an Siegfried verhindert werden können? Das ist die Denksportaufgabe, die sich die Inszenierung stellt. Müßig, die möglichen Antworten ernst zu nehmen. Zumal die vollständige Story bewusst verwirrend als Rückblende erzählt ist. Also lässt sich Rüdiger von Bechelaren (Roland Renner), der nach Siegfrieds Tod für König Etzel um die Hand der rachsüchtigen Witwe Kriemhild (Cosma Shiva Hagen) anhält, durch den Sänger Volker (Markus Majowski) über das schlechte Karma bei Hofe unterrichten.

Das Ensemble, wie immer in Worms mit Fernseh- und Theaterprominenz besetzt, spielt munter auf. Lars Rudolph mimt Hagen Tronje, den Vasall Gunthers, als tückische Mixtur aus Mackie Messer und Mafioso, Bernd Michael Lade steht als schwächlicher Gunther hilflos neben seiner Figur, Vinzenz Kiefer verkörpert den tumben Tor Siegfried rührend als männlichen Blondinenwitz. Cosma Shiva Hagen muss viel zu oft durch den Matsch waten und einen Popsong über das „Born to die“-Leid trällern. Sie macht ihre Sache als gekränkte Gattin, die den politischen Seitensprung ihres Helden entdeckt, nicht schlecht, aber drei Stunden ohne schauspieltechnisches Handwerk lassen ihre Darstellung nur noch stereotyp hysterisch wirken. So gut Brunhilde (Kathrin von Steinburg) und Ute (Susanne Uhlen) agieren – eine Fantasy-Tragödie, ins Headset hineingeschrien, macht müde fürs Bier hinterher. Claudia Lenssen

Täglich noch von 9. bis 21. Juli.

Details: www.nibelungenfestspiele.de

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