Kultur : Toll trivial

Frank Noack

beobachtet Göttinnen auf Abwegen Andres Veiels „Die Spielwütigen“ zeigt gerade im Kino, durch welch harte Schule Anwärter auf den Schauspielerberuf gehen müssen. Hundert Jahre früher musste der Nachwuchs ebenfalls schwere Prüfungen durchstehen, allerdings litt er nicht unter strengen Professoren, sondern unter entwürdigenden Rollen an drittklassigen Dorfbühnen. Kaum ein großer Schauspieler aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ist an der sogenannten Schmiere vorbeigekommen. Und es hat nicht geschadet. Heute wird der Beruf oft von Musterschülern dominiert; sie wirken entsprechend blutleer und akademisch.

Ernsthafte Schauspieler, die sich an Trivialstoffe wagen, sind heute ziemlich selten. Sissy Spacek gehört zu ihnen. 1976 trat sie in der Stephen-King-Verfilmung Carrie – Des Satans jüngste Tochter auf, die wie ein Schulmädchen-Report beginnt, mit voyeuristischen Duschszenen. Regisseur Brian De Palma ist permanent auf Effekte aus und macht ausgiebig Gebrauch von Carries telekinetischen Fähigkeiten. Nach endlosen Demütigungen durch Mitschüler (darunter der junge John Travolta) rastet sie aus und lässt Messer in verhasste Mitmenschen fliegen. Auch wenn Schauspieler bei derlei Spezialeffekten meist kaum Entfaltungsmöglichkeiten haben: Sissy Spacek verliert nichts von ihrer Würde, auch wenn man sie mit einem Eimer Schweineblut übergießt (heute im Babylon Mitte).

„Garbo lacht!“ – mit diesem legendären Werbeslogan verdeutlichte die Publicity-Abteilung von MGM, auf welches Wagnis sich die größte Tragödin des Kinos eingelassen hat. Dabei war Ernst Lubitschs Ninotschka (1939) gar nicht der erste Film, in dem die göttliche Greta Garbo gelacht hat; sie lachte schon als Kameliendame, bevor sie an Tuberkulose erkrankt. Und so unbeschwert lustig ist „Ninotschka“ nun auch wieder nicht, immerhin werden gleich zu Beginn die Moskauer Säuberungsprozesse thematisiert. Als eiskalte Sowjetkommissarin, die in Paris abtrünnig wird und langsam auftaut, ist Garbo besser als in so manchem ihrer „seriösen“ Filme. Sie wirkt entspannt und albert herum: erst recht göttlich (Sonnabend im Arsenal).

Es hat auch seinen Reiz, wenn Komödienexperten ins ernste Fach wechseln. Nach einem Einakter des Boulevardtheater-Autors Noel Coward drehte David Lean den Film Begegnung (1945). Das Liebespaar, das sich regelmäßig auf einem Londoner Bahnhof trifft, ist weder jung noch hübsch. Schlimmer noch, der Lungenarzt (Trevor Howard) und die Hausfrau (Celia Johnson) begehen platonisch Ehebruch zu Rachmaninoff-Musik. Die Briten strömten mit gutem Gewissen in die Kinos, weil die sexuelle Erfüllung ausbleibt, und die Kritiker staunten über Leans Fähigkeit, einen Schnulzenstoff durch realistische Alltagsschilderungen aufzuwerten (Freitag im Eiszeit).

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