Tom Wolfe zum 80. : Federführer der Eitelkeiten

Den Romanen des US-Schriftstellers Tom Wolfe merkt man die jahrelange Erfahrung als Journalist an.

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Kaum einer kennt das Innenleben von New York so gut wie er. Die geldgierige Börsenwelt der Achtziger, auf die wir seit dem letzten Remake mit neuem Groll schauen, hat der große Reporter und Romancier Tom Wolfe schon in „Fegefeuer der Eitelkeiten“ (1987) genüsslich seziert. Sherman McCoy, Wolfes Protagonist, ist der Gordon Gecko der Literatur.

McCoy war nicht der erste Insider, den sich der Erfinder des epischen Docutainment vorgenommen hatte. In „Das gemalte Wort“ hatte er sich 1975 der amerikanischen Künstlerszene gewidmet, einer Mafia aus 3000 Leuten, von denen nach Wolfes Meinung nur etwa 300 nicht in New York leben. Wolfe schrieb eine Kulturgeschichte des Klüngels, der sich mit einer Mischung aus Charme, Champagner und schamloser intellektueller Selbstprostitution eine einträgliche Meinungsführerschaft gesichert hatte.

Sein Herz schlug zunächst aber für die Gegenkultur, wovon unter anderem der Reisebericht „The Electric Kool-Aid Acid Test – Die legendäre Reise von Ken Kesey und den Merry Pranksters“ (1968) zeugt. Nur mit seinem jüngsten Roman „Ich bin Charlotte Simmons“ scheiterte er auch nach Meinung wohlwollender Kritiker. Die Perspektive einer College-Studentin der Nullerjahre konnte er trotz aller Recherchen nicht glaubhaft vermitteln. Trotzdem: Wolfes Kritik am „Radical Chic“, dem blasierten Flirt intellektueller Eliten mit radikalen Ideen der Linken in den Siebzigern, war ebenso eine Wegmarke wie das „Fegefeuer der Eitelkeiten“ in den Achtzigern.

Der Mann im weißen Anzug provoziert gern. Er weiß, was er kann und er sagt, was andere nicht können. Vor allem weiß er, dass er schreiben kann. Oder besser: Wolfe kann recherchieren und formulieren. Seine Wurzeln liegen im Tagesjournalismus, der schmierige Figuren mit verbalem Blitz und Donner verfolgt. Diese Wurzeln versorgten ihn auch noch mit Energie, als er schon für die Magazine „Rolling Stone“ und „Harper’s“ schrieb.

John Updike und Norman Mailer sehen in ihm einen Journalisten, der sich für einen Schriftsteller hält. Wolfe kontert, die beiden seien „zwei Knochenhaufen“, die nicht verstehen, dass die Literatur sich aus der klaren Luft und dem Gestank und der ganzen Dringlichkeit der wirklichen Welt, aus der Öffentlichkeit erneuern muss. Und aus dem Journalismus, den Wolfe selbst wieder beleben wollte. Mit seinen frühen Reportagen, die 1965 gesammelt unter dem Titel „Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby“ erschienen, machte er sich, neben Gay Talese und Truman Capote, einen Namen als eine der wichtigsten Stimmen des „New Journalism“. Die Entwicklung des amerikanischen Journalismus hat ihm Recht gegeben. Am heutigen Mittwoch feiert der Federführer aller Eitelkeiten seinen 80. Geburtstag.

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