TOR! : An der Schwelle zur Verdammnis

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37 Jahre lang hat er an seinem Meisterwerk geformt und dessen Vollendung nicht mehr erlebt. In dieser langen Zeit kam ihm sogar der Auftrag abhanden. Das Musée des Arts Décoratifs wurde am Ende nicht gebaut, für das sein Portal bestimmt war. Und doch brachte all dies Auguste Rodin (1840 – 1917) nicht von seinem Ziel ab, eine allumfassende Komposition zu schaffen, einer allegorische Darstellung der Schwelle zur ewigen Verdammnis.

186 Figuren verkeilen sich in dem Monument des französischen Bildhauers. Tag für Tag wird es von den Besuchern bestaunt, im Pariser Musée d’Orsay, in dem es heute steht. Abgüsse befinden sich in Tokio, Zürich, Philadelphia und Stanford. Ein Tor, das niemand zu stürmen wagt. Spielen, Schießen, Raufen verbietet sich vor dem „Höllentor“, Rodins berühmtestem Werk.

Von oben blickt „Der Denker“ herab: ein muskulöser, nackter, sitzender Mann, der grimmig sein Haupt auf die rechte Hand gestützt hält, der Ellenbogen ruht auf dem linken Knie. Vom Geistesmenschen scheint seine Physiognomie weit entfernt; der durchtrainierte Körper strahlt Sportivität aus. Tatsächlich saß ein Berufsboxer dem Bildhauer Modell, der seinen Bizeps ansonsten im Rotlichtmilieu dem Publikum präsentierte. Unsterblichkeit brachte dem Mann jedoch erst die Pose des Intellektuellen ein, die Kombination Köpfchen und Muskelkraft.

Wer geht ein in dieses Tor? Rodin hatte sich für das pompöse Portal von Dantes Inferno aus der „Göttlichen Komödie“ anregen lassen. Darin heißt es, dass „laue Seelen“ das Tor ruhelos umschwirren, die in ihrem Leben keine Entscheidung gefällt haben. Der Himmel „will sich mit ihnen nicht schänden“, und auch der Teufel lässt sie nicht herein. Entschlusskraft, Zielsicherheit, Durchsetzungsvermögen gehören zu den Eigenschaften, mit denen der Mensch im Guten wie im Schlechten die Tore im Jenseits passieren kann.

Rodin stellt in seinem Höllentor alle Varianten menschlicher Pein dar: eine Mutter, die ihr totes Kind beweint, ein flehender Greis, ein bettelnder Jüngling. Den heutigen Betrachter packt weniger die Angst vor dem letzten Stündlein (nur noch 15 Prozent sollen heutzutage die Hölle fürchten), sondern das geballte Pathos Rodins. Er revolutionierte die Bildhauerkunst mit der Allansichtigkeit seiner Skulpturen, der bewussten Unvollendetheit der Figuren und dem Verzicht auf Sockel. Die Kunstgeschichte nennt es Avantgarde. Andere würden Rodin als cleveren Spielmacher bezeichnen.

Bisher sind in unserer Tor-Serie erschienen: Torschluss (13. 6.), Torgesänge der Vuvuzela (15. 6.), Schlesisches Tor (17. 6.), Porta Nigra (21. 6.), der Reine Tor (23. 6.), Donnergott Thor (29. 6.)

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