Torsten Fischer inszeniert "Venus im Pelz" : Wanda zieht vom Leder

Straps und Stiefellecken: Torsten Fischer inszeniert „Venus im Pelz“ am Renaissance-Theater.

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Bring mir die Birkenrute! Anika Mauer als Schauspielerin Wanda und Michael von Au als Regisseur Thomas. Foto: drama-berlin
Bring mir die Birkenrute! Anika Mauer als Schauspielerin Wanda und Michael von Au als Regisseur Thomas. Foto: drama-berlinFoto: Barbara Braun/drama-berlin.de

Schauspielerinnen! Diese untalentierten, strunzdummen Geschöpfe, die mit Säcken voll hässlicher Kostüme zum Vorstellungsgespräch gestöckelt kommen und ohne Sprecherzieher nicht mal das Wort „Demütigung“ korrekt betonen können. Die meisten sind weder jung noch schön. Zum Verzweifeln. Regisseur und Autor Thomas lässt allmählich die Hoffnung fahren, je die passende Wanda für seine Broadway-Bearbeitung des Romans „Venus im Pelz“ aus der Feder des großen Leopold von Sacher-Masoch zu finden. Richtig, das ist nicht nur ein Lou-Reed-Song, sondern die Bibel der Unterwerfungsfreudigen aus dem Jahr 1870. Masochismus, Sie wissen schon.

Aber dann taucht mit viel Verspätung Wanda auf. Die heißt wirklich so, behauptet sie zumindest. Wer zuletzt kommt, den belohnt die Aufmerksamkeit – der Casting-Klassiker. Wanda ist sexy aufgebrezelt mit Straps und Lacklederstiefeln, hat ein Mundwerk wie ein Wiener Droschkenkutscher und kann Thomas überzeugen, ihr noch eine Chance zu geben. Und ehe sich’s der Macho-Künstler mit seinem Gefluche über die Weiber versieht, ist er in ein abgründiges Duett der sexuellen Hörigkeit und des Räkelns auf Kanapees verwickelt. Die Grenzen zwischen Spiel und Realität verwischen! Wie unheimlich.

Man muss sich doch kurz die Augen reiben. Stiefellecken und Strumpffesseln am Renaissance-Theater? Die Art-Deco- Bühne als SM-Bude? Das wäre ja mal was. Aber keine Sorge. Oder Hoffnung auf Skandal. Im Stück „Venus im Pelz“ des amerikanischen Autors David Ives geht es ungefähr so wild zu wie auf dem Betriebsausflug eines Versicherungskonzerns. Obwohl, ups, schlechtes Beispiel, nehmen wir besser zurück. Jedenfalls fragt man sich, ob die Bühnenrechte für „Shades of Grey“ nicht verfügbar waren. Da hätte man wenigstens Klarheit gehabt: Hausfrauenporno mit Ach-wie-verrucht-Appeal. Aber weshalb die Wahl auf dieses verquaste „Schlag mich!“-Tête-à-Tête mit Hang zu Konversationsdiarrhöe fiel, das Torsten Fischer mit Anika Mauer und Michael von Au inszeniert hat? Bleibt so schleierhaft wie der tiefere Sinn des Satzes: „Du willst doch gar keine Frau, du willst ihr Fell, du solltest einen Waschbären heiraten“, den Wanda im Zuge ihrer zunehmenden Rollenverwirrung spricht.

Okay, in den USA war „Venus in Fur“ ein ziemlicher Erfolg und zog nach der Broadway-Premiere 2010 im 180-Plätze- Theater in ein Haus mit Fassungsvermögen für tausend Zuschauer. Womöglich zieht bei den Amerikanern die Kombination aus Pogewackel und Bildungshuberei. Autor Ives, Jahrgang 1950 und damit im besten Alter für angeranzte Herrenfantasien, buchstabiert sich jedenfalls mit dem Esprit eines Dozenten für altdeutsche Softerotik durch die „Venus“-Vorlage des adeligen Österreichers. Die performen Wanda und Thomas immer hingebungsvoller. Werkgetreu als vertraglich geregelte Schmerzbeziehung. Nennt man heute Hollywoodehe.

Ihr Scharmützel beginnt ja auf der Jalousienbühne von Vasilis Triantafillopoulos noch halbwegs vielversprechend. Was will diese Femme fatale, die behauptet, den Text in der U-Bahn bloß überflogen zu haben? Die dann aber jede Zeile auswendig kennt, dem Regisseur einen Mantel aus dem Jahr 1869 mitgebracht hat und alles über Thomas’ Verlobte weiß? Bloß interessiert das bald nicht mehr, weil Ives zu ellenlangen und lustkillenden Exkursen über Dionysos, die Schlacht von Pompeji und den Kaffee als Metapher ansetzt.

Vor allem behauptet „Venus im Pelz“ einen Feminismus, der sich als Hohn erweist. Das Frauenbild stammt von vorvorgestern, aus der Antike nämlich. Für die Schauspieler – die bejubelt wurden – muss man aber unbedingt eine Lanze brechen. Michael von Au ist klasse als Künstler-Hanswurst, der in seiner Männlichkeit wie in seinen Ambitionen erschüttert wird und zwischen Dompteur und Stiefelknecht irgendwie seine Rolle zu finden versucht. Und Anika Mauer gebührt sowieso höchster Respekt. Wie schnell wird so ein Sexy-Hexy-Part im knappen Slip grauenhaft peinlich. Noch dazu, wenn dauernd F-Wörter verlangt sind. Sie meistert das aber mit erstaunlich selbstbewusster Haltung. Und behält sogar noch die Contenance, wenn sie rufen muss: „Schweig, du Hund, und bring mir die Birkenrute!“ Tolle Schauspielerin.

wieder 27. bis 29. September und im Oktober und November

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